Seit 24 Jahren bringt sich Doris Wiedemann immer wieder in Gefahr – sie bereist alleine auf dem Motorrad die Welt. Afrika ist der Kontinent, der ihr Lebensfreude schenkt

Ein groß gebauter, schmaler Mann tritt in die Sonne, die auf den sandigen Boden der Sinai-Halbinsel brennt. Seine Augen suchen eine Frau, eine Deutsche. Sie ist mit dem Motorrad gekommen, um Ostafrika zu entdecken. Gestern tanzten, redeten und aßen sie gemeinsam. Heute ist der Morgen danach, und der junge Sudanese hat eine Entscheidung gefällt. Zehn amerikanische Dollar trägt er bei sich. Mehrere Tage hat er dafür gearbeitet. Sein Blick findet die zierliche Frau. Er tritt vor sie und gibt ihr das Geld. „Ich möchte gerne ein Teil deiner Reise sein“, sagt er zu ihr, „ich finde es so toll, was du machst. Mir wird das leider immer verwehrt bleiben“. Wiedemann fehlen die Worte, sie sucht nach einem Ausweg. Sie will das Geld nicht, das für ihn viel mehr wert ist als für sie. Sie erklärt ihm, er ist bereits Teil ihrer Reise, sie hatte eine wunderschöne Zeit auf dem Zeltplatz, er hat ihr den Sudan gezeigt, sie in eine neue Kultur eintauchen lassen. Doch der Mann bleibt beharrlich. Welches Ego ist wichtiger in diesem Moment, fragt sich die Deutsche. Sie trifft eine Entscheidung: seins! Sie nimmt das Geld. Seitdem schreibt sie ihm aus jeder Hauptstadt, die sie besucht, eine Postkarte. Doch nie wieder hat sie etwas von ihm gehört. Seinen Namen kennt sie, die Adresse des Zeltplatzes hat sie noch. Ob er noch dort ist, wie es ihm geht oder ob er noch lebt, weiß sie nicht. Ihr Besuch ist 17 Jahre her, 1997 war sie das erste Mal in Afrika. Bis heute denkt sie immer wieder an den Sudanesen.

Eine Begegnung fürs Leben

Doris Wiedemann (3. v. l) beeindruckte die vier Sudanesen. "Ich will Teil deiner Reise sein", bat sie einer der Gastarbeiter (2. v. l.) (Foto: Doris Wiedemann)

Sie hebt die Grenzen zwischen den Geschlechtern auf

Wiedemann kann viele dieser Geschichten erzählen. Sie alle machen ihr Leben aus. „Grenzen“, sagt sie bescheiden – bei jedem Wort scheint sie darüber nachzudenken, „ich weiß nicht, ob ich Grenzen überschritten habe“. Reisen ist ihr Alltag. Was für viele eine Qual wäre, bedeute für sie Freiheit. Doch Reisen ist nicht das, womit die Motorradliebhaberin sich finanzieren kann, dafür schreibt sie Bücher über ihre Erfahrungen, manchmal Reiseführer über das bayerische Schwaben, und immer wieder arbeitet sie für Zeitungen. Ein bisschen Werbung für einen Motorradausstatter macht sie auch – aber sie steht zu dem Unternehmen. Nach längerem Nachdenken erzählt sie viele Geschichten. Immer wieder gewähren ihre Gastgeber ihr einen Blick in ihren Alltag, und nur so dringt Wiedemann in die Eigenarten der Kulturen vor und hebt, als Frau mit Motorrad, in vielen Ländern sogar die Grenzen zwischen den Geschlechtern auf.

Seit 24 Jahren ist die gelernte Steuerfachangestellte mittlerweile alleine unterwegs. Ihre erste Reise führte sie, mit gerade einmal 23 Jahren, in die USA. Monatelang erkundete sie danach Australien, Afrika, Russland, Korea und Japan, und auch Osteuropa ließ die Schriftstellerin nicht aus. Über die Ukraine fuhr sie nach Kasachstan, in die Mongolei und in das Reich der Mitte. Ihre bisher letzte große Reise war die erste, die die Extremfahrerin zu zweit antrat. Mit dem Niederländer Sjaak Lucassen fuhr sie von Florida aus nach Alaska, wo sie wohl als erste Frau überhaupt im Winter mit dem Motorrad über den Dalton Highway, der durch die nahezu unberührte Natur Alaskas führt, gefahren ist. Der Highway ist im Winter kaum befahrbar. Nicht geteert, verschneit und vereist durch die extremen Minusgrade im Land der Kälte. Diesen Dezember sucht sie Wärme in Kamerun. Denn die Nomadin ist immer auf dem Sprung. In Deutschland verdient sie ihr Geld, die Länder, die sie bereist, verzaubern sie. In dem westafrikanischen Staat, der bisher vom Ebola-Virus verschont geblieben ist, möchte Wiedemann Weihnachten feiern, Freunde besuchen und natürlich Motorradfahren.

Das ganze Land ist warm und schön und schwarz und lachend

Doris Wiedemann

Ihre Augen funkeln, als sie über die anstehende Reise spricht. Die Vorfreude überstrahlt alles andere. Die Afrikaner haben einfach so ein herzliches, offenes Lachen“, es ist die Lebensfreude, die Wiedemann auf jeder ihrer Afrikabesuche wieder zu schätzen weiß. Vor vielen Jahren hat sie diese Lebensfreude bereits mit nach Hause genommen. „Das ganze Land ist warm und schön und schwarz und lachend“, schwärmt sie. In diesem Moment wird ihre Stimme fester, tiefer, sie bekommt mehr Bass. „Aber Westafrika ist ganz anders als Ostafrika“ – und trotzdem fährt sie in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal nach Kamerun. Alte Geschichten bahnen sich den Weg in ihre Erinnerung, damals war sie im Osten des Kontinents.

Zurückkommen ist schwieriger als gehen

„Als ich aus Afrika wiederkam, war sogar der Supermarktbesuch für mich erschlagend.“ Als sie das sagt, lacht sie laut. Keine versteckte Scheu, kein Gräuel ist zu sehen. Die kleinen Lachfalten kräuseln sich in dem zarten, aber von den vielen Reisen gegerbten Gesicht. Sie fährt fort: „In Äthiopien geht man einfach zum Verkaufsstand und kauft, was gerade da ist. Wenn er Reis hat, kauft man Reis, wenn er Nudeln hat, gibt es eben Nudeln. So einfach ist das.“ Sie wird still. Einige Sekunden liegt nachdenkliche Ruhe in der Luft. „Und hier gibt es ganze Regale voller Nudeln, verschiedene Sorten, verschiedene Marken. Das war ein echter Kulturschock, ich musste mich plötzlich wieder entscheiden.“

Aus diesem Empfinden zieht die Motorradfahrerin ihre Schlüsse. Sie versucht, bewusst zu leben und sorgsam mit den Ressourcen umzugehen, die in ihrer Verantwortung liegen. Sie trinkt ausschließlich Leitungswasser und trägt, außer bei Motorradkleidung, meist Second-Hand-Ware. Dinge, die sie nicht mehr braucht, verkauft sie. „Besitz belastet ja auch.“ In ihrer Wohnung im Umland Augsburgs mistet Wiedemann regelmäßig aus. Kleidung, Bücher oder Geräte, die noch funktionieren, verkauft oder spendet sie. „Aber ich habe ein Regal, in dem alle Bücher und Sachen stehen, die mir wichtig sind“, erklärt sie. „Die dürfen nicht weg.“ Es sind die Erinnerungsstücke ihrer Reisen an die Menschen, die sie dort lieben gelernt hat und die ihr Leben geprägt haben. Heimat ist ein wandelbarer Begriff für die 47-Jährige. Das Zelt, das Hotel, das Haus der Gastgeber-Familie nennt sie nach kurzer Zeit zuhause.

Die Straße bleibt die gleiche, nur die Nachbarn ändern sich

Doris Wiedemann

Wiedemann hat gelernt, ihr Leben alleine zu beschreiten. Ihr Motorrad kann sie selbst reparieren, ein Ölwechsel ist eine leichte Übung. Es ist die Freiheit, das Gefühl, unterwegs zu sein, der Wind in den Haaren, der sie immer wieder zurück auf die Straße treibt. Sie ist unruhig, wenn sie in Bayern ist. Sie möchte wieder los. Die Straße ist ihre Heimat. „Denn nicht jede Reise ist ein neues Leben“, erklärt sie, „die Straße bleibt die gleiche, nur die Nachbarn ändern sich.“ In der Männer-Domäne hat sich die 47-Jährige mittlerweile einen Platz gesichert. Der deutsche Reisefotograf Michael Martin, der für „Spiegel Online“ berichtet, machte sich auf Wiedemanns Route durch Alaska und scheiterte an der Kälte.

Alleine reisen bedeutet auch Gefahr

Das Gefühl der Freiheit treibt sie an, doch diese Freiheit hat ihren Preis. Mit jeder Reise, die sie alleine macht, begibt sie sich in Gefahr. Alleine zeltet sie an abgelegenen Stellen im Nirgendwo, ob in China, Russland oder den USA. „Mir ist bisher nichts passiert – ich hatte wohl einfach Glück.“ In der Nähe einer ihrer Schlafstätten in Afrika wurde ein reisendes Paar von einem Pickup mitgenommen. Sie wurden entführt, vergewaltigt, misshandelt und getötet, erzählt sie. „Man darf nie vergessen, dass die, die ihre Geschichte erzählen, oft in Euphemismen sprechen. Ich könnte auch sagen, ich war jahrelang alleine unterwegs, mir ist nichts passiert, alles ist gut. Aber die traurige Wahrheit ist: Tote sprechen nicht mehr.“ Die Schriftstellerin weiß das. Deswegen wägt sie die Risiken vor jeder Reise ab, bei der Wahl ihres Schlafplatzes muss sie trotzdem vorsichtig sein.

PS gegen PS

Einmal tauschen, bitte. Aber das Pferd ersetzt Wiedemanns Motorrad bei weitem nicht. (Foto: Doris Wiedemann)

Ist sie in Bayern, neiden ihr viele diese Flexibilität. Sie könnten sich diese Reisen nicht leisten, lautet der Tenor. Auch sie kann es eigentlich nicht finanzieren. Es ist nicht nur schön, nicht nur Urlaub, nicht nur Spannung. Wiedemann gibt einiges auf, um ein Leben auf zwei Rädern führen zu können. „Ich habe keinen Hund, keinen Mann, kein Haus und keine Altersvorsorge“, erklärt die 47-Jährige, „darüber muss ich mir langsam Gedanken machen.“ Doch wer mit ihr über ihre Erlebnisse und über ihr Leben spricht, merkt kaum etwas von diesem Verzicht, der notwendig ist, für ihre Art zu leben.

Bald hat sie die ganze Welt gesehen. Aus ihrer Sicht fehlen noch zu viele Länder. Südamerika und Westafrika, der gesamte Nahe und Ferne Osten stehen noch aus, und werden warten müssen, die aktuelle Lage lässt keine Reise in diese Staaten zu. „Aber ich würde auch an alle meine bisherigen Reiseziele zurückkehren. Alaska, USA, China – es war schön und ich könnte das alles noch einmal machen. Aber die Ziele werden mir nicht ausgehen.“ Und in wenigen Wochen ist sie endlich wieder in Afrika – dort, wo sie ihre Lebensfreude immer wieder findet.

Geschafft

Mitten in Kenia gibt es eine unbefahrene Straße nur für die Motorradfahrerin. Sie hatte Spaß und verewigte den Moment (Foto: Doris Wiedemann)

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