In einem Gastbeitrag schreibt der Reporter Wolfgang Bauer, wie er drei Syrer nach Deutschland schmuggeln wollte und dabei verhaftet wird.

Der Morgen, an dem wir Mailand verlassen, ist trüb, Stau auf den Autobahnen. Die drei Syrer hocken auf der Rückbank, in ihren schlecht sitzenden Anzügen. Auf den ersten Kilometern erzählt Alaa viel, von den Booten und dem Meer. Husam und Baschar fallen wieder in tiefen Schlaf. So viele Tage hatten sie kaum schlafen können. Aus der Po-Ebene fahren wir in die Alpen. Ich hatte mich für Österreich entschieden. Der Fotograf Stanislav Krupar und ich hatten die drei Flüchtlinge einen Monat zuvor in Ägypten kennengelernt. Getarnt als Flüchtlinge, hatten wir Journalisten den Versuch gewagt, auf Schmugglerschiffen das Mittelmeer zu überqueren. Zusammen mit Alaa, Husam und Baschar wurden wir dabei vom ägyptischen Küstenschutz verhaftet, verbrachten fast zwei Wochen in einer Zelle und versprachen ihnen dort: Wenn ihr es nach eurer Entlassung nach Italien schafft, werden wir euch abholen.

So kommt es, dass der Reporter, der über Schmuggler schreibt, plötzlich selber zum Schmuggler wurde.

Unsere Gesetze dienen dazu, uns, die Menschen, vor uns selbst zu schützen und die Gesellschaft besser zu machen. Es kommt aber vor, dass unsere Gesetze Menschen gefährden und die Gesellschaft schlechter machen. Soll man sich dann an diese Gesetze halten? Wir wollen verhindern, dass sie ihr Leben abermals Kriminellen anvertrauen. Wir verstoßen mit diesem Versprechen gegen geltendes Recht. Wir werden Menschen ohne gültige Einreisepapiere, ohne gültiges Visum durch Europa transportieren. Wir wollen verhindern, dass Alaa, Husam und Baschar erneut ihr Leben riskieren. Nichts hat das mit edlem Heldenmut zu tun und viel damit, nicht den Respekt vor sich selber zu verlieren.

Flüchtlingsfamilie

Bauer hat mit vielen syrischen Flüchtlingen gesprochen (Fotos: Stanislav Krupar / Suhrkamp)

Auf gleicher Stufe mit Entführern und Raubmördern

Wie bei einem Countdown zählen wir auf der Fahrt zur Grenze die Entfernungsmarken laut herunter. 240 Kilometer, 210 Kilometer, 110 Kilometer, 50 Kilometer, 22 Kilometer, 9 Kilometer nur noch, doch mit einem Mal ist sie verschwunden, diese Grenze. Wir haben sie überquert, ohne sie überhaupt zu bemerken. Es gibt keine Schranke, keinen gemalten Strich an der Stelle, wo aus Italien die Republik Österreich wird. „War das die Grenze?“, fragt Alaa irritiert. Die Verkehrsschilder wechseln ihre Farbe – es ist Österreich. Wir schlagen uns gegenseitig die Hände ab, fahren auf der Brennerautobahn Richtung Tal hinab, nach Innsbruck, passieren noch eine letzte lästige Mautstelle, zahlen noch einmal 10,50 Euro, um endlich weiterzukommen, als direkt hinter unserer Ausfahrt ein Streifenwagen der Landespolizeidirektion Innsbruck steht. Ein Inspektor beugt sich zu uns hinein. „Papiere, bitte.“ Ich werde verhaftet, zum zweiten Mal innerhalb eines Monats. Die Handschellen erspart man mir. Der BMW wird durchsucht, mein Handy beschlagnahmt. Ich werde vom Rest der Gruppe getrennt. „Wir haben hier einen Schlepper“, meldet der Inspektor über Funk seiner Einsatzzentrale. Ich gelte als Täter, da ich am Steuer saß. Zwei Beamte in Zivil führen mich ab. Sie weigern sich, mir die Hand zu geben. Ich strecke ihnen die Hand entgegen, aber sie ergreifen sie nicht. Wortlos fahren sie mich den Brenner hinunter in die Polizeidirektion nach Innsbruck, nehmen mir dort Schuhe und Gürtel ab und sperren mich dort in eine Arrestzelle. Für sie, das signalisieren sie mir deutlich, bin ich jetzt ein Krimineller auf gleicher Stufe mit Entführern und Raubmördern.

Ich gelte als Täter, da ich am Steuer saß

Wolfgang Bauer

Wir haben gewusst, dass so etwas passieren kann. Paragraf 144, österreichisches Fremdenpolizeigesetz. Das Delikt der Schlepperei kann mit bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug bestraft werden – wenn es gewerbsmäßig betrieben oder eine „größere Zahl von Fremden“ ins Land gebracht wurde. Ich bin mir bewusst, dass mir keine Haftstrafe droht, weil keine der beiden Tatbestände erfüllt ist. Ich bin aber trotzdem nervös, weil ich nicht weiß, wie lange die österreichische Polizei braucht, um mir das zu glauben.

Den Nachmittag verbringe ich in diversen Zellen. Nach der Arrestzelle werde ich in den U-Haft-Block überführt. Für zwei Stunden warte ich in einer Schubzelle, 2 mal 2 Meter groß, fensterlos, mit Schlitz unter der Zellendecke, durch den ich gelegentlich nach persönlichen Angaben befragt werde. Aus der Schubzelle führt mich ein Beamter in die Zelle 46. Er drückt mir Bettzeug in die Hand und kündigt das Abendessen an. Zwei Scheiben Brot und zwei weich gekochte Eier.

Europa braucht eine humanitäre Flüchtlingspolitik

Am Abend bin ich wieder in Freiheit, und die drei Syrer in Italien, wo sie den nächsten Zug nach Frankreich besteigen. Sie erreichen Schweden, wohin sie wollen, in drei Tagen.

Husam und Alaa Ksebati

Sie haben es nach ihrer Flucht mit dem deutschen Journalisten weiter ins schwedische Säffle geschafft

Das ist meine Grenzerfahrung: Europa braucht endlich eine humanitäre Flüchtlingspolitik. Es darf die Menschen nicht länger zwingen, ihr Leben mit Seelenverkäufern auf dem Mittelmeer zu riskieren. Wie im Bosnienkrieg sollte es die Syrer ohne kompliziertes Verfahren aufnehmen – wenn die sich verpflichten, nach Ende des Krieges wieder in ihr Heimatland zurückzukehren.

Reporter Wolfgang Bauer

Auf Recherche in Adado (Somalia)

Wie Flüchtlinge auf ihrem Weg traumatisiert werden

Die Psychologin Dr. Maggie Schauer leitet das „Kompetenzzentrum Psychotraumatologie“ der Universität Konstanz. Zusammen mit anderen Wissenschaftlern hat sie die Narrative Expositionstherapie (NET) entwickelt – eine psychotherapeutische Behandlung für traumatisierte Kinder und Erwachsene. Schauer hat auch schon zahlreiche traumatisierte Flüchtlinge behandelt – Andreas Maisch von 1weiter.net hat sie interviewt:

Das komplette Interview mit Dr. Maggie Schauer lesen Sie auf WELT.de. Außerdem beschreibt 1weiter.net-Reporterin Anna Dobler Ausweis- statt Ticketkontrollen im Fernbus:

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