Drei Snowboarder wollen die Schneewände Alaskas bezwingen – und zahlen schnell Lehrgeld.

Marco, Marco! Come help me! I fell into a hole!

Tobias Strauss

„Wow, was ist denn jetzt passiert?“, denkt Marco, als er die Sätze auf seinem Walkie-Talkie hört. Es ist Tobias, der da ruft. „Was für ein Loch denn, bitte? Hier ist doch gar kein Gletscher!“, spricht er ins Mikrofon zurück. Aber sein Freund klingt panisch. Gerade eben noch war Tobi zu sehen, wie er sein Brett um die weiße Bergspitze herumtrug, in der Hoffnung auf eine bessere Route. Marco watet durch den Tiefschnee auf diese Stelle zu.

Er sieht, wie die Fußspuren aufhören, dann ein Loch, anderthalb Meter breit. Es dämmert schon. Tobias kann sich nicht vor- oder zurückbewegen. Er steht auf einem nackten Fels. Ringsherum weiß-dunkel. Drei Meter muss er gestürzt sein. Er wollte über eine Wechte steigen. Dass diese „Windlip“ den Gipfel um mehrere Meter überragt, das kann wahrscheinlich nur in Alaska passieren. „Wenn sie abreißt, zieht es mich den ganzen Berg herunter“, denkt sich Tobias. Er würde auf jeden Fall eine Lawine auslösen. Er kann nur warten. Marco sieht eine abgerundete Metallspitze über die Kante der Grube herausragen. Es ist das Snowboard von Tobi, der es hochhält, in der Hoffnung, gesehen zu werden. Marco greift zu, Tobi hält fest, und lässt sich hochziehen.

Alaska fordert harte Charaktere

Marco Smolla (25), Tobias Strauss (26) und sein Zwillingsbruder Philipp – genannt Fips – sind Snowboardprofis. In den dreien brennt ein Feuer fürs Boarden, seitdem sie sich als Kinder überwanden, auf Mini-Brettern ein Gefälle herunterzustürzen. In den Jahren danach boardeten sie mühelos durch die deutsche Snowboard-Szene, durch Filme, über Faces (Hänge) und Kicker (Schanzen). Als Jugendliche reisen die Strauss-Brüder zum ersten Mal ans andere Ende der Welt, Neuseeland. Snowboarden ist das Ticket für Lifestyle-Kosmopoliten. Aber jetzt, im unwirtlichen Alaska sind harte Charaktere gefordert. Alaska ist so anspruchsvoll, dass sich selbst die besten Snowboarder zwei Fragen stellen müssen, die sie schlecht aussehen lassen wie Anfänger: „Wie kommt man eigentlich da hoch? Und dann: Wie kommt man eigentlich da runter?“, sagt Marco. Alaska ist ihr Traum, aber hier sind sie neu.

Es wirkt wie die große Freiheit. Im ersten Augenblick atemberaubend schön, im nächsten unerbittlich und gemein. Dieses Terrain zu bezwingen ist der Ritterschlag für jeden Snowboarder. Aber wer nicht schnell Entscheidungen treffen kann, der kommt hier nicht weit. „Du vertraust den anderen dein Leben an, in Alaska“, wird Marco später mal sagen. Er kennt die Strauss-Zwillinge schon seit über zehn Jahren, sie nennen ihn Bruder. „Wenn Du in einer Lawine verschüttet bist, sind das die Menschen, die dich ausgraben oder nicht ausgraben“, glaubt Marco. Auf Fremde sollte man sich da nicht verlassen.

Panorama eines Roadtrips

Hier noch mit funktionierendem Schneemobil

Vor ein paar Tagen befand sich das Trio aus Bayern in genau dieser Situation bei einem Gletscher-Trip: Weißgrauer Nebel rollte da heran. Der Tourguide namens „Grizzly“ trat vor Nervosität den Schnee im Lager fest, seine Augen geweitet. Die Jungs hatten ihn zuvor beim „Tailgate“ aufgetrieben, einem Wohnwagen-Camp im Stile des Americana-Kitsch, das am Thompson Pass liegt. Boarder, Aussteiger und Hillbillies zieht dieser Ort an. „Ihr müsst es doch endlich mal lernen“, zischte der semiprofessionelle Trapper nun die drei durch seinen dicken Vollbart an. Er schwang sich danach aufs Schneemobil und rauschte den Gletscher hinab an den verschneiten Bergreihen vorbei. Auf der Flucht vor dem grauen Vorhang, der sich jede Minute über das Lager ziehen könnte und es vielleicht ein paar Stunden, vielleicht ein paar Wochen fest im Griff haben würde.

„Kein Zögern mehr“

25 Meilen war die nächste Asphaltstraße entfernt. Im Nebel kommt man dort vom Gletscher nicht mehr hin. „Kein Zögern mehr, wir bleiben noch!“ Damit hatte Marco den Tourguide endgültig überstimmt. Er wollte unbedingt das graue Achtmann-Zelt retten, das einem guten Freund der Truppe gehört. Später hätten sie nicht mehr zurückkommen können, weil sie schon eine teure Helikopterreise gebucht hatten. Das Zelt wäre verloren gewesen. An diesem Morgen mussten Marco, Tobias, und Philipp allein entscheiden: Das Equipment retten oder – am Gletscher ist es gefährlich genug – das eigene Leben?

Schon die Reise zu diesem Gletscher lief schlecht. 3500 US-Dollar investierten die Jungs in Seattle für Schneemobile. Eins davon überschlug sich, zusammen mit dem angehängten Proviant, der dann nach Benzin schmeckte. Bei dem Manöver öffnete sich einer der Ersatz-Tanks. Ein anderes brannte gleich am ersten Tag der Sechs-Wochen-Exkursion ab.

Schnelle Entscheidungen beim Heliboarden

Die Gruppe räumte das Lager am Gletscher also noch schnell ein. Das Zelt, den Ofen, den Proviant. Eine elend lange halbe Stunde dauerte es. Dann war es geschafft. Der Nebel war träger als befürchtet. Auf der Hälfte des Abstieges trafen die Jungs auf Grizzly, der mit einem schlechten Gewissen gewartet hatte.

Und am letzten Tag der Alaska-Reise ist der Weg zum Heliboarden dann endlich frei. Nach stundenlangen Skype-Verhandlungen hatte das Team es geschafft, noch einen Helikopter in Haines zu bekommen. Nun müssen sie plötzlich schon wieder schnelle Entscheidungen treffen, wie noch zuvor im Gletscher-Camp. Denn jede Stunde im Hubschrauber kostet 2800 US-Dollar. Zeit ist Geld. Die Hänge lassen sich aus dem Fenster kaum analysieren, weil alles so schnell geht. Der Pilot springt von Gipfel zu Gipfel, alles ist so leicht erreichbar. Die drei Freunde haben das Heliboarden so unbedingt gewollt, und die Wettervorhersagen waren so perfekt, dass sie mit „Schere, Stein, Papier“ den Verlierer ausknobeln mussten, der das geliehene Equipment zurückfahren sollte – Tobi. Die anderen sind jetzt in der Luft.

Konzentration ist wichtiger als der Lifestyle

Aber das Heliboarden hat einen Haken. Der Hubschrauber bringt die Balance der Boarder durcheinander. „Es ist ein krasser Wechsel zwischen: Es passiert gar nichts, man wartet eine Stunde. Dann kommt der Heli und drei Minuten später ist man am Berggipfel. Boom“, sagt Marco. Die Konzentrationsphase fehlt. Denn es fehlt ja auch der Aufstieg zu Fuß, der organischste Weg, sich auf die Abfahrt einzustimmen. Auch, wenn viele Fahrer der Snowboardszene gern auf ihr Image als trinkende Rowdies und Weiberhelden achten. Wenn es hart auf hart kommt, kümmern sie sich um ihre Konzentration mehr als um ihren Lifestyle. Sie stehen dann gewissenhaft am Fuße des Berges, blicken hinauf und prägen sich eine Route ein.

Marco nimmt sein Board aus der Metallreuse am Helikopter und springt auf die Bergspitze. Es wird die letzte Line des Tages sein, die Sonne geht bald unter. Keine Zeit, die Ski-Brille aufzusetzen. Er setzt den ersten Schwung in die Tiefe. Die Route wird dann doch improvisiert. Als er unten ankommt, spürt er die Energie, die er in die nächsten Tage mitnehmen wird.

„Manchmal mussten wir uns gegen die Naturgewalten durchsetzen, manchmal gegen die alltäglichen Dinge. Aber es lag auf jeden Fall immer etwas im Weg“, sagt Marco rückblickend. Und auch, wenn es Tourguides gibt, die durchbrennen. Am Ende zeigen sie Reue. Alaska macht irgendwie doch aus allen Brüdern. Anders geht es hier nicht.

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