Getrocknetes Blut, Fäkalien, Ungeziefer – Ein Tag als Tatortreiniger lehrt unseren Reporter Robert Hiersemann einen anderen Blick auf Leben und Tod.

Mir ist schlecht. Ich will raus hier, sofort. Es stinkt, Fliegen kreisen um meinen Kopf. Die Leichenflüssigkeit hat sich in den Boden gefressen. Ich will das nicht sehen. Ich will es nicht riechen. Aber ich muss. Denn für heute bin ich Tatortreiniger. Ich mache das weg, was vom Menschen übrig bleibt.

Beschäftigt habe ich mich kaum mit dem Tod. Ich habe Angst vor ihm. Vielleicht komisch für mein Alter, aber so ist es. Für 1weiter.net werde ich an eine Grenze gehen: in die Wohnung eines Verstorbenen. Tatorteiniger Christian Heistermann begleitet mich durch die Extremsituation. Denn es wird extrem werden.

Der Test hat nichts mit der Realität zu tun

Unvorbereitet lässt mich Heistermann nicht mitkommen. Er wird mit mir trainieren. Auf dem Gelände seiner Gebäudereinigungs-Firma in Berlin simuliert er einen Tatort, schüttet Filblut und Kunsthaare aus. „Ich muss sehen, ob du das aushalten kannst.“ Im Schutzanzug desinfiziere ich den Raum, wische Blut und Haare auf. Eine leichte Übung, das Blut riecht nach Himbeere. Nur der Schutz-Anzug stört, man schwitzt darin sehr. Zwei Stunden lang putze ich, bis alles glänzt. Doch mit der Realität hat das wenig zu tun – wie ich wenig später merken werde...

Das Training für den Ernstfall

Tatortreiniger Christian Heistermann erklärt am Test-Tatort, wie man richtig reinigt

Wochenlang lag der Tote in seiner Wohnung

Eine verwahrloste Wohnung in Berlin. Ich habe Angst davor hineinzugehen. Was erwartet mich dort? Heistermann reißt das Polizeisiegel ab. Mein Herz pocht. Die Tür geht auf, ich gehe rein. Im Wohnzimmer wimmelt es von Fliegen. Die Wände sind vergilbt. Ein kurzer Moment der Erleichterung: Die Leiche wurde bereits abtransportiert. Heistermann zeigt auf den Wohnzimmer-Teppich. Er ist verfärbt, eine dunkle Kruste ist zu erkennen. Der sogenannte Leichen-Fleck – getrocknet aus den ausgelaufenen Körperflüssigkeiten des Verstorbenen. Mir wird heiß, der weiße Ganzkörperanzug ist luftundurchlässig. Die viel zu enge Gasmaske drückt mir aufs Gesicht. Trotzdem: volle Konzentration auf meine Aufgabe. Der Wohnungsbesitzer ist an einem Herzinfarkt gestorben. Zwei Wochen lang lag er im Wohnzimmer, unbemerkt. Heistermann: „Wir kümmern uns auch um solche Fälle. Auch bei normalem Versterben muss man anschließend manchmal sauber machen.“

Ich halte geronnenes Blut in der Hand

Der Geruch im Wohnzimmer ist penetrant. Deshalb kommt der Ozonisator zum Einsatz – ein unspektakulärer weißer Kasten. Durch elektrische Impulse sorgt das Gerät dafür, dass der Sauerstoff gereinigt wird und man die Gasmaske abnehmen. Durchatmen! Ich rolle den Teppich zusammen, sehe, dass das Blut bis auf das Parkett durchgesickert ist – mir ist schlecht. In der getrockneten Blutlache liegen Maden. Die meisten von ihnen sind tot. Mit einem Staubsauger entfernt Heistermann das Ungeziefer. Übrig bleiben große Blutflecken, die ich aufwische. Die Blutklumpen spüre ich durch den Wischlappen. Ein seltsames Gefühl, zum ersten Mal im Leben habe ich geronnenes Blut in der Hand.

Hiersemann reinigt die Wohnung

Anfänglich sogar mit Gasmaske

Das ist kein Wein, der da aus der Flasche kommt...

Heistermann läuft durch das Wohnzimmer, trägt mir auf, die halbvolle Weinflasche, die auf dem Tisch steht, auszugießen. Das ist gut, denke ich. Das kann ich, eine normale Aufgabe. In der Küche leere ich die Flasche über dem Abfluss aus. Doch was da rauskommt, ist kein Wein. Hunderte toter Fliegen schwappen aus der Flasche! Sie kleben zusammen. Mir wird zum zweiten Mal übel. Ich muss die Fliegen mit einer Bürste durch den Abfluss drücken. Ein süßlicher Geruch steigt in meine Nase. Er kommt aus dem Abflussrohr. Keine Ahnung, was das ist. Schnell weg! Eine Erlösung, als Heistermann mir vorschlägt, die blutverschmierten Tücher zum Auto zu bringen. Endlich raus aus der Wohnung. Endlich frische Luft.

Der Beruf des Tatortreinigers – auf Dauer könnte ich ihn nicht ausüben. Das Elend, die Ungeziefer, der Tod, der immer präsent ist – das alles wäre zu viel für mich. Schon dieser eine Tag hat mich verändert. Ich mache mir Gedanken, die im Grunde ganz banal sind: Wie gut es ist, jeden Tag seines Lebens irgendwie zu genießen. Denn am Ende bleibt womöglich nur ein Fleck auf einem Wohnzimmer-Teppich von uns übrig. Nicht schön, aber wahr.

Christian Heistermann ist in Berlin eine Institution

Tatortreiniger Christian Heistermann reinigt schon seit 25 Jahren Gebäude – und seit sieben Jahren auch Tatorte. Der Schauspieler Bjarne Mädel holte zur Vorbereitung auf seine TV-Rolle als Tatortreiniger Ratschläge von Heistermann ein. Die beiden stehen bis heute in Kontakt. Heistermann erzählte Mädel ausführlich, was den Job ausmacht, was der Beruf im realen Leben in einem bewirkt. Heistermann: „Ich habe viel Einsamkeit durch meinen Beruf gesehen. Viele Menschen sterben ganz alleine. Dann kommen wir und räumen alles weg, was den Leuten einmal wichtig war. Keine Aufgabe, die Spaß macht.“

Ich habe viel Einsamkeit gesehen.

Tatortreiniger Christian Heistermann

Sein krassester Fall

Der Profi erzählt

Schauspieler Bjarne Mädel

Er spielt den Tatortreiniger in einer TV-Serie

Herr Mädel, wie oft haben Sie sich mit Christian Heistermann getroffen?

Vor dem Dreh der ersten Folge hat es ein ausgedehntes Treffen gegeben. Christian war samt Familie auf dem Weg in den Urlaub, der unseretwegen dann später anfing. Seitdem sind wir immer wieder in Kontakt.

Könnten Sie den Beruf des Tatortreinigers auch im realen Leben ausüben?

Der Gedanke, irgendwann sterben zu müssen und nicht mehr zu existieren, beunruhigt mich generell so sehr, dass ich ehrlich sagen muss: Vor der Kamera gern noch lange, aber im echten Leben könnte und möchte ich nicht mit Christian tauschen. Auch deshalb ist es mir wichtig, dass er mag, was wir da im NDR mit dem „Tatortreiniger“ so treiben.

Wie sind Sie auf den Beruf des Tatortreinigers aufmerksam geworden?

Ich glaube, das erste Mal bewusst vor ein paar Jahren durch den Film „Sunshine Cleaning“, wo der Job aber eher ein Ausweg zweier Freundinnen ist, um der Arbeitslosigkeit zu entkommen.

Wie stark ist die seelische Belastung in dem Beruf?

In dieser oft unschönen Art und Weise ständig mit unserer Endlichkeit und somit auch mit dem eigenen Tod konfrontiert zu sein, ist eine enorme Belastung, die meiner Meinung nach nicht entsprechend entlohnt wird.

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