Mit 17 Jahren bricht Lennart Hartmann Bundesliga-Rekorde. Doch danach geht es bergab. Nun kämpft er sich mit Paragraphen und Fotos wieder hoch.

Er ist vorbei, der Kampf, den er nicht gewinnen konnte. Der Kampf gegen seine Gesundheit und einen Trainer, der Förderer sein sollte, es aber nicht war. Die Geschichte des heute 23-jährigen Lennart Hartmann ist die Geschichte eines intelligenten, extrem talentierten Berliners, der die ganz große Fußballkarriere knapp verpasste. „Lenny“ – so nennen ihn seine Freunde – ist 1,73 Meter groß, Mittelfeldspieler, war ein Fußballjuwel. Das Olympiastadion war sein Zuhause, bei Hertha BSC lebte er den Traum vom Fußballprofi.

Ich betrete dieses Stadion heute nicht mehr. Der Frust sitzt zu tief. Ich möchte nicht sehen, wie andere Spieler in dem Trikot stecken, in dem auch ich heute stecken könnte

Lennart Hartmann

Mit dem Klub hat er gebrochen, doch an seine Zeit als Profi denkt er häufig zurück.

Beim ersten Bundesliga-Einsatz bricht er einen Vereins-Rekord

Berlin, August 2008: Hartmann verdient 5000 Euro monatlich, von Hertha bekam er früh einen Profi-Vertrag. Es geht alles viel schneller als bei anderen Nachwuchskickern. Im Alter von 17 Jahren, vier Monaten und 14 Tagen fährt Hartmann zum Auswärtsspiel nach Frankfurt. Das Spiel läuft, Hartmann macht sich mit den anderen Reservisten warm. In Minute 67 zitiert Trainer Lucien Favre Hartmann heran, er soll ins Spiel kommen – das erste Mal Bundesliga! „Ich stand an der Seitenlinie und dachte mir, jetzt bin ich endlich da, wo ich immer hin wollte. Jeden Tag hab' ich mich im Training gequält, um in der Bundesliga anzukommen“, erinnert er sich. Favre wechselt ihn ein, und damit bricht Hartmann direkt einen Vereins-Rekord. Bis heute ist er der jüngste Spieler, der für Hertha BSC in der Bundesliga gespielt hat. Sein Debüt gelingt, Hertha gewinnt mit 2:0. Es folgen weitere Bundesligaeinsätze. Hartmann ist ehrgeizig, bald spielt er sogar international. Europa League: Gegen die lettische Mannschaft Ventspils steht er in der Startelf und bereitet einen Treffer vor.

Hartmann, das Riesentalent, bekam 2008 die Fritz-Walter-Medaille in Silber für herausragende Leistungen als Nachwuchsspieler. Die Goldmedaille gewann der spätere Weltmeister Toni Kroos. Viele prognostizieren Hartmann eine große Karriere und mit Lucien Favre hat Hartmann einen Trainer, der viel von ihm hält. Doch eine Leisten-OP zwingt den erfolgshungrigen Sportler zwischenzeitlich auf die Zuschauertribüne.

Kaum ist er wieder fit, wird sein Förderer Favre entlassen. Diese Personalentscheidung ist der zweite schwere Schlag in der jungen Karriere des damals 18-Jährigen: „Favre glaubte an mich. Er machte sich auch nichts daraus, wenn ich eine Trainingseinheit wegen der Schule sausen lassen musste.“ Favres Nachfolger heißt Friedhelm Funkel. Hartmann weiß sofort, was ihn erwartet: „Funkel war ja bekannt dafür, dass er eher auf erfahrene Spieler setzt. Für mich war da kein Platz.“ Er wird aussortiert. Hertha BSC steigt noch in dieser Saison aus der Bundesliga ab. Kurz darauf trennt sich der Verein von Funkel und geht mit Markus Babbel als Trainer in die Zweitliga-Saison. Und Hartmann? Der spielt auch unter Babbel keine Rolle. Nach einem Zwischenstopp bei den Vancouver Whitecaps wechselt er ablösefrei zum kriselnden Zweitligisten Alemannia Aachen. „In Aachen wurde dann schnell der Trainer ausgetauscht. Und es kam ausgerechnet Friedhelm Funkel.“ Der Trainer, der ihn schon in Berlin aussortiert hat. Funkel verbannt Hartmann in die Reservemannschaft.

Nach dem plötzlichen Tief steigt der Marktwert wieder

Jetzt fehlt Lenny morgens die Lust aufzustehen. Während die Profis zweimal täglich trainieren, darf er nur noch am Abend auf den Platz. Wenn er das Ruder herumreißen will, muss er weiterziehen. Nach sechs Monaten schließt sich Hartmann dem Drittligisten SV Babelsberg an, spielt dort unentgeltlich. Und tatsächlich findet er in seiner Heimat zurück in die Spur. Hartmann läuft in dieser Saison in 23 Spielen auf, steht fast immer in der Startelf. Er bereitet Treffer vor, ist top in Form und hat seinen festen Platz im Team gefunden. Prompt melden sich höherklassige Klubs wie Dynamo Dresden bei ihm, sein Marktwert steigt auf 150.000 Euro. Keine große Summe für Profiklubs – wenn man bedenkt, dass Spieler auch für das hundertfache wechseln. Aber wenn Hartmann seine Leistungen hält, steht ein Wechsel in Aussicht – und damit das große Geld.

Zumindest bis zur Rückrunde 2013: Im Spiel gegen Osnabrück führt Hartmann den Ball, dribbelt in Richtung gegnerisches Tor. Auf einmal kassiert er einen heftigen Tritt gegen das Schienbein. Er fällt zu Boden, bleibt mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen. „Alles vorbei“, denkt er sich in dem Moment. Und damit soll er Recht behalten: Die Verletzung ist schwer. Sehr schwer. Zunächst gehen Ärzte von einem Schien- und Wadenbeinbruch aus. Doch Hartmann hat sich das Deltaband im rechten Sprunggelenk gerissen. „Mein Arzt sagte mir, dass man großes Pech haben muss, um sich dieses recht feste Band zu reißen“, erklärt er. Diese Verletzung zwingt nicht unbedingt zum Karriere-Ende, muss allerdings monatelang ausheilen.

Die entscheidende Frage

Hartmann verliert sich wieder in Selbstzweifeln, hinterfragt sich und seine Karriere. „Brauche ich das alles? Oder kann ich auch ohne Fußball glücklich sein?“ Er entschließt sich zu einer völligen Kehrtwende: Eine Entscheidung gegen den Profifußball und für das normale Leben.

Berlin, Oktober 2014: Hartmann studiert nun in Berlin Rechtswissenschaften, paukt täglich Paragraphen, kickt nur noch in seiner Freizeit. Eigentlich wollte er Psychologie studieren, doch dafür reichte sein Notenschnitt nicht. „Die Psyche spielt im Profisport eine immer wichtigere Rolle. Vor allem muss jungen Spielern erklärt werden, wie man mit Rückschlägen umzugehen hat. Das kam bei mir zu kurz“, so Hartmann. Die Entscheidung auf das große Geld, den Ruhm und die Bewunderung zu verzichten, ist ihm nicht leicht gefallen. Doch die Erfolge in der Uni helfen ihm dabei, zu vergessen. Er merkt, dass Ehrgeiz und Leistung nicht nur im Profifußball anerkannt wird.

Jetzt modelt er auch noch

Lenny bleibt genug Zeit, seiner zweiten und neuen Leidenschaft nachzugehen: dem Modeln. „Ein befreundeter Fotograf fragte mich vor ein paar Monaten, ob ich Lust hätte, für ihn zu posieren. Fotos machen wir jetzt öfter zusammen. Vielleicht wird da was draus“, sagt Hartmann. Das Geld von Fototerminen könnte er gut gebrauchen. Denn Ersparnisse aus seiner Zeit als Profi hat er nicht.

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