All das passiert innerhalb eines Jahres. Was im ersten Moment skurril klingt, hat das Leben von Sandro K. zu einer einzigen Grenzerfahrung gemacht.

Die Augen glänzen - das Lächeln wird stärker. Sandro K. ist mit seiner großen Liebe vereint. Endlich kann er sie wieder spüren, in die Arme nehmen, streicheln. 2011 hat die Liebesgeschichte begonnen. Seitdem fährt er immer wieder in Richtung Ostsee. Der Himmel ist grau an diesem Januar-Tag, es hat geschneit. Doch Sandro K. macht die Kälte nichts aus. Er steht vor einer Hauptumwälzpumpe am Eingang eines stillgelegten Kernkraftwerks. Überwältigt von seinen Gefühlen streichelt er das zweieinhalb Meter hohe Objekt aus Stahl. Sandro K. malt ein Herz in die Schneedecke und lächelt. Es wirkt vertraut.

Zeichen der Liebe

Seine Zuneigung drückt Sandro K. durch kleine Zeichnungen in den Schnee aus (Foto: Eva Köhler)

Seit drei Jahren ist er verliebt. Es ist eine Liebe jenseits aller gesellschaftlichen Normen. Eine Beziehung zu einer Sache, einem Bauwerk. Er ist verliebt in das Atomkraftwerk Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern. Was für die meisten Menschen unvorstellbar ist, markiert einen Wendepunkt in Sandro K.s Welt. Seit er das Kraftwerk kennt, lebt der 32-Jährige ein neues, glücklicheres Leben – doch der Weg dahin war lang.

Eine unglückliche Frau

Fünf Monate vor seinem ersten Besuch in Lubmin bekam Sandro K. einen neuen Namen, eine neue Geburtsurkunde, ein neues Geschlecht. Seitdem ist Sandro K., der damals noch Sandy hieß, ein Mann. „Der ganze Ballast ist in diesem Moment von mir abgefallen“, erinnert er sich. Mit seinem Leben als Frau verbindet er nur wenig Gutes. Seinen Körper mochte er nicht. Unförmig, komisch, unpassend – das sind die Worte, die er dafür verwendet. Als Mann fühlt er sich wohler. Doch auch mit neuem Geschlecht fällt es Sandro K. schwer, soziale Beziehungen zu knüpfen.

Ich habe mich schon immer falsch gefühlt. Ich war ein Mann im Körper einer Frau.

Sandro K.

Mit Dingen reden

„Oft saß ich draußen und spielte mit Steinen wie mit Menschen. Ich habe ihnen sogar Namen gegeben.“ Für ihn war das normal. Gegenstände waren für ihn nie tote Dinge. „Es sind Lebewesen“, erklärt er, genauer gesagt „Objektwesen“. Während er spricht, spiegelt sich immer wieder Unsicherheit in seiner Stimme. Leichtes Zittern, vorsichtiges Herantasten. Was kann ich sagen, was nicht?

Die Objektliebe ist eine sexuelle Ausrichtung vergleichbar mit den Bezeichnungen Homo oder Hetero. Anders als bei Fetischisten steht bei Objektsexuellen nicht Erotik sondern Emotion im Vordergrund. Die Liebenden hegen Gefühle zu Autos, Gebäuden, Stoffen oder Fahrzeugen. Oft führen sie langjährige monogame Beziehungen.

Kommunikation durch Berührung

Ein Austausch mit dem Gebäude, das er liebt, ist nur möglich, wenn er zu Besuch ist

Hektisch und nur in Stichpunkten erzählt Sandro K. aus seiner Kindheit. Seine Mutter gab ihn als Baby weg, zu seinem Vater hatte er nie Kontakt – doch seine Oma nahm ihn bei sich auf. Wegen seiner Sehschwäche besuchte Sandro K. zunächst eine Sonderschule. Seine Ausbildung beendete er aber später mit dem Abitur. Nur drei Prozent Sehkraft leisten seine Augen. Sie sind oft zugekniffen, wenn er spricht. Weil die Kinder damals aus verschiedenen Städten kamen, konnte er auch während der Schulzeit kaum engere soziale Beziehungen aufbauen.

Ich bin nicht alleine

„Als ich dann ins Teenager-Alter kam, haben meine Schulkollegen angefangen für Jungen oder Mädchen zu schwärmen. Und ich habe angefangen für Computer und Gebäude zu schwärmen - in der gleichen Weise.“ In diesem Moment wurde ihm klar, dass er anders ist. Er lacht kurz und etwas schrill, als ob seine Gefühlswelt eine Art Jugendsünde gewesen sei. Viele Jahre verheimlichte Sandro K. seine Zuneigung zu Gegenständen. Erst mit 22 fand er über das Internet heraus, dass noch mehr Menschen fühlen wie er. Jetzt gewann er neuen Mut, offen mit dem Thema umzugehen. „Es war erleichternd zu wissen: Ich bin nicht alleine.“

Sandro K.s erste echte Beziehung führte er mit dem New Yorker World Trade Center. Über Internetforen teilte er sich Gleichgesinnten mit und erzählte von seiner Liebe. Bis zu seiner Geschlechtsumwandlung sei er mit den Twin Towers liiert gewesen, erzählt er. Heute stehen die Modelle der Türme in seinem Zimmer in Berlin-Marzahn ganz hinten im Regal. Als wären es die letzte Erinnerungsstücke eines vergangenen Lebens. Der Rest des Regals ist gefüllt mit neuen Objekten seiner Leidenschaft. Der Teilchenbeschleuniger vom CERN, das Atomkraftwerk Tschernobyl, ein Brennstab. Über den Modellen hängt ein mannshohes Bild: Sandro K. begeistert vor dem stillgelegten Kraftwerk nahe Greifswald. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, schildert er die drei Jahre zurückliegende Begegnung. Ein direkter Austausch von Worten ist natürlich nicht möglich. Trotz allem geben ihm die mächtigen Mauern des Gebäudes und die klaren massiven Linien eines Brennstabs das Gefühl von Geborgenheit und verleihen ihm Kraft.

Besuch im Kraftwerk

Sandro K. und der Brennstab im Ausstellungsraum sind fast gleich groß (Foto: Eric Paul)

Am Ende der Suche

Sandro K. ist angekommen. Vielleicht hat er seine große Liebe gefunden. Im Ausstellungsraum des Kraftwerks in Lubmin begutachtet er jedes einzelne Stück, als ob er es noch nie gesehen hätte. Einige hebt er hoch, befühlt sie, macht Fotos. Die Mitarbeiter des Kraftwerks kennen ihn bereits – doch er wäre gerne öfter da. „Mein Traum ist es, einen Tag und eine Nacht mit meinem Atomkraftwerk alleine zu sein.“ Wehmütig wirkt er in diesem Moment. Denn der Mann, der früher eine Frau war, ist verliebt und möchte Zeit mit seiner Liebe verbringen. Die Ruhe genießen, die Beziehung weiter ausbauen.

„Ich kann jetzt endlich ich sein“, sagt Sandro K. Die Geschlechtsumwandlung, die neue Liebe – es war ein Kampf, doch sein Durchhaltevermögen und sein Glaube daran, sein Leben selbst zu gestalten, haben sich offenbar gelohnt. „Ich bin glücklich!“ sagt er und lächelt zufrieden.

Ein letztes Mal läuft Sandro K. zu der Hauptumwälzpumpe vor dem Eingang. Minutenlang genießt er diesen Moment, berührt das Objekt zärtlich. Dann muss er gehen. Es ist ein Abschied auf unbestimmte Zeit. Ein letzter Blick. Das Herz im Schnee ist noch zu sehen.

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