Nach einem Motorrad-Unfall ist Gary Eickhoff querschnittsgelähmt. Er droht zu verzweifeln. Doch wenige Wochen später erlebt er einen Wendepunkt – unter Wasser.

Es war nur eine schmale Ölspur. Gary Eickhoff, 30 Jahre alt und Familienvater, kann sie nicht sehen, als er an einem warmen Sonntagnachmittag mit dem Motorrad in eine Einbahnstraße fährt. Der hintere Reifen dreht durch, rutscht weg, dann knallt Eickhoff auf die Straße – und sein Motorrad seitlich auf ihn. „Scheiße“, denkt er sich nur, denn immerhin: Er kann aufstehen.

Unfallort

In unmittelbarer Nachbarschaft von Gary Eickhoff

Erst allmählich breitet sich in seinen Beinen ein Taubheitsgefühl aus. Dann werden die Schmerzen in seinem Rücken unerträglich. Ins Krankenhaus kann er noch laufen. Dort angekommen verliert er das Gefühl in seinen Beinen völlig. Er kann die Knie nicht mehr durchdrücken. 21 Uhr, der Arzt sagt zur Schwester: „Totalausfall des unteren Körpergefühls“. Not-OP! Doch die Ärzte können nicht mehr helfen. Der Familienvater ist inkomplett querschnittsgelähmt. Er wird wohl nie wieder laufen können, aber da die Nervenbahnen in der Wirbelsäule nicht komplett durchtrennt sind, bleibt ihm etwas Sensitivität unterhalb des Querschnitts. Und damit auch ein bisschen Hoffnung.

Nicht einmal zwei Monate sind seit dem Unfall vergangen – zu wenig Zeit für den Elektro-Ingenieur, um die immense Veränderung zu verarbeiten oder auch nur zu begreifen. „Der Unfall hat mich aus dem Leben geschmissen“, so beschreibt es Eickhoff. „Ich habe gedacht, jetzt ist alles vorbei.“

Vor dem Unfall - und danach

Gary Eickhoff mit seiner Ehefrau Sonja und seiner Tochter Sophia

Noch bin ich im Krankenhaus unter einer ‚Käseglocke’, mir kann nichts passieren. Aber der Alltag draußen sieht anders aus!

Gary Eickhoff

Im Krankenhaus muss Gary Eickhoff vieles neu lernen. Er braucht Hilfe beim Duschen; ihm fehlt die Kraft in den Armen, um sich aus dem Bett zu hieven. Ab dem Bauchnabel beginnt ein „Fremdkörper“, den er mit sich herumschleppt. „Früher, da war ich nie ruhig zu stellen“, erinnert er sich. Der Unfall hat ihn nicht nur ängstlich gemacht, sondern unendlich traurig. Sein Gesicht verrät es.

„Im tiefen Loch!“

Wenige Wochen nach dem Unfall

Doch dann besucht ihn Olaf Winkler. Der 49-Jährige sitzt selbst seit 15 Jahren im Rollstuhl – und ist Tauchlehrer. Einmal im Monat versucht er mit seinem Hobby frisch Verletzten Mut zu machen. Eickhoff ist bislang nur eine Zahl für ihn. 68: So schwer ist er in Kilogramm, diese Zahl musste Winkler genügen, um einen Neoprenanzug für ihn zu besorgen.

In der frühen Phase nach einem Unfall verlieren viele Patienten auch ihren Lebensmut, das weiß Olaf Winkler aus eigener Erfahrung. Heute sei er glücklich, erzählt Olaf Winkler seinem Tauchschüler Gary Eickhoff. Ein Grund dafür: Der Sport hat ihm viel Kraft zurückgegeben. „Denn unter Wasser können wir alle fliegen“, sagt der ehrenamtliche Tauchlehrer.

Unter Wasser gibt es keine Barrieren

Manchmal werden die Patienten noch im Krankenbett an das Schwimmbecken der Unfallklinik Duisburg geschoben. Tauchen ist Teil der Therapie. „Viele denken kurz nach dem Unfall noch, dass ihr Leben vorbei ist – ich kann ihnen mit dem Tauchen Mut machen: Ihr könnt so viel mit Euch anfangen und habt noch viele schöne Momente vor Euch“, berichtet Winkler.

Gerade auch aus medizinischer Sicht ist Tauchen für Querschnittgelähmte sinnvoll, bestätigt Dr. Stefan Hobrecker. Er leitet die Sektion für Rückenmarkverletzte in Duisburg.

Aus medizinischer Sicht

Querschnittsgelähmte sollten Tauchen

Dirk Wondrak, Vorsitzender des Handicap-Tauchverbandes IDDA

„Beim Tauchen gewinnen viele Rollstuhlfahrer ihr Lachen zurück!“

MEHR LESEN >

Eine Erfahrung, die auch Gary Eickhoff an jenem Abend macht: Der Tauchlehrer erklärt ihm die Ausrüstung und die Atmung unter Wasser – denn für Gary wird es der erste Tauchgang seines Lebens. Und nach dem Unfall ein vorsichtiger Neuanfang.

Wendepunkt unter Wasser

„Ich möchte einfach mein Leben zurück!“

Für Gary geht die Sonne langsam wieder auf

Das Tauchen habe ihm ein Gefühl von Freiheit zurückgegeben, sagt Eickhoff. So unsicher und mühsam er sich vom Rollstuhl an den Beckenrand, und vom Beckenrand ins Wasser gehoben hat – so leicht war alles unter Wasser. Er hat Rollstuhl und Schmerzen völlig vergessen.

„Am Tag meines Unfalls ist für mich die Sonne untergegangen. Heute ist sie wieder da.“ Das Tauchen war für ihn aber nicht nur eine Abwechslung im Klinik-Alltag. Heute ist er sich sicher: Er wird seine körperliche Grenze meistern – ob im Rollstuhl oder an Krücken oder zu Fuß. Auch wenn auf seinem Weg noch Steine liegen. Das Tauchen hat Gary Eickhoff in seinem großen Ziel bestärkt und ihm gezeigt, dass noch vieles möglich ist: „Ich habe den ganz festen Willen, dass ich wieder laufen kann – und deshalb werde ich eines Tages auch wieder laufen!“

comments powered by Disqus

Zurück zur Startseite