Wie tief man sinken muss, um ganz nach oben zu kommen, beweist die unglaubliche Entwicklung des Behindertensportlers Thomas Geierspichler

Beginnen wir mit einem kleinen Gedankenspiel: Jemand bietet dir ein erfolgreiches, spannendes Leben im Luxus - und du müsstest im Gegenzug auf deine körperliche Unversehrtheit verzichten. Du wägst ab? Denkst, das käme auf die Behinderung an? Solange du überlegst, erzählen wir eine Geschichte. Es ist die Geschichte von einem Mann, der - stünde er vor der gleichen Wahl - keine Sekunde zögern würde. Der Mann heißt Thomas Geierspichler, Doppel–Olympiasieger, Weltrekordhalter, Weltmeister, mehrfacher Sportler des Jahres. Geboren und aufgewachsen auf einem Bauernhof in Anif bei Salzburg, zwischenzeitlich einer der erfolgreichsten und bekanntesten Sportler Österreichs. Und er sitzt im Rollstuhl.

Keine Frage, er ist unglaublich stolz auf seine Erfolge als Behindertensportler, auf seine Goldmedaillen, seine Titelseiten, seine Biografie. Frauen stecken ihm lächelnd ihre Nummer zu, Manager lauschen seinen Motivationsvorträgen. Auf all das würde er sofort verzichten. Wenn er wieder gehen könnte.

Thomas Geierspichler

Olympia-Held im Rollstuhl

Es gibt diese eine Frage, die ihm im Lauf seiner Karriere immer wieder gestellt wurde: „War der Unfall im Grunde das Beste, was dir passieren konnte?“ Wenn Thomas Geierspichler an jenem lauen Frühlingsabend nicht in das Auto seines Freundes gestiegen wäre, dann gäbe es diesen Artikel nicht, du würdest nicht darüber nachdenken, wie viel dir deine Gesundheit wert ist, und Geierspichler würde weit weg vom Rampenlicht als Landwirt in einem kleinen Ort bei Salzburg ein beschauliches, unauffälliges Leben führen.  

Sinnsuche im Dickicht zerstörter Träume

Er weiß, dass uns allen der Gedanke gefällt: dass nämlich jeder noch so harte Schicksalsschlag irgendwann eine positive Wendung nehmen kann. Ein tröstlicher Gedanke, jedem Seitenhieb des Lebens einen tieferen Sinn zu unterstellen. Wie in der Geschichte von Hiob im alten Testament, dem Gott die grausamsten Plagen schickte, um dem Teufel zu zeigen, dass der fromme Mann sich nie von ihm abwenden wird. Am Schluss wird er für seine Standhaftigkeit belohnt. Da ist sie, die gute Wendung.       

Wenn Thomas Geierspichler diese Frage hört, gibt er immer die selbe Antwort: Nein, es war nicht das Beste. Dieser verhängnisvolle Tag im April 1994, der ihn für immer an den Rollstuhl fesselte, ist ein schwarzer Tag für ihn, nach wie vor. Ein Tag, den er lieber verschlafen hätte.  

Thomas Geierspichler

Sein dramatischer Unfall

Querschnittlähmung. Ein Schock. Nach dem Unfall geht er durch die Hölle, monatelang: Der Diagnose folgen quälend lange Krankenhaus- und Reha-Aufenthalte, unvorstellbare Schmerzen und Depressionen. Mit Alkohol und Drogen versucht er, sich zu betäuben. Es gab nichts Gutes im Schlechten, überhaupt nichts. Geierspichler verzweifelte. Wo bleibt sie, die gute Wendung?  

Zwischen Ruhm und Ruin entscheiden oft wenige Sekunden. Oder die richtige Einstellung.

Das Beste, was Thomas Geierspichler passieren konnte, ereignete sich erst drei Jahre später. Er ist zu Besuch bei einem befreundeten Paar. Sie sagen, er könne alles erreichen, wenn er nur genug glaubt: an Gott, an sich selbst und daran, dass er etwas verändern kann. Nichts hat er zu dem Zeitpunkt noch zu verlieren, also warum nicht ausprobieren. Er betet, dass Gott ihm helfen möge, mit dem Rauchen aufzuhören. Und von heute auf morgen wird er zum Nichtraucher. Er will dem Alkohol und den Drogen abschwören - es gelingt. „Diese Erfolge haben so viel Energie in mir freigesetzt, die ich irgendwie kanalisieren musste“, erinnert sich der heute 39-Jährige an seine Anfänge als Behindertensportler. Er beginnt mit einem Rennrollstuhl zu trainieren. Nach und nach kommen die Erfolge. Und dann passiert, womit er nicht gerechnet hat.

Ein Schild am Ortseingang von Anif

Es erinnert an die sportlichen Erfolge des Österreichers

Er akzeptiert sein Schicksal. Er akzeptiert, dass er nie wieder laufen wird. Drei Jahre hatte er in der Vergangenheit gelebt, sein Selbstmitleid Tag für Tag mit Alkohol ersäuft, seine Sinne mit Drogen benebelt. Jetzt war für ihn der Zeitpunkt gekommen, wieder nach vorn zu blicken. „Dass ich meine Situation annehmen konnte, war der schönste Moment für mich“, erzählt er. „Alles was dann kam, war nur noch das Sahnehäubchen.“ Eine Goldmedaille zum Beispiel, sie war sein oberstes Ziel. Heute hat er sogar zwei davon. Unbezahlbar das Gefühl, ganz oben auf dem Podest, während im Jubel die Nationalhymne erklingt.

Und trotzdem: All der Ruhm, der Glanz, die Selbstsicherheit - alles würde er sofort eintauschen, wenn er wieder laufen könnte. Leben, lieben und laufen. Wie ein normaler Mensch.

Thomas Geierspichler

Jetzt lebe ich!

Wenn man seine Komfortzone nicht verlassen will, fängt man an zu sterben.

Aus: Mit Rückgrat zurück ins Leben. Die Biografie von Thomas Geierspichler. Verlag Carl Ueberreuter

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