Eine Nacht hat jeder schon mal durchgemacht. Aber gleich zwei oder drei? 1weiter.net-Allestester Daniel Mituta hat es probiert. Ein neuer Fall für „MitutaKopfweh“.

Sieben Stunden. So lange dauert der gesunde Schlaf eines Menschen. Der eine schläft etwas mehr, der andere etwas weniger. Nur ich schlafe überhaupt nicht. Drei Tage werde ich ab sofort wach sein. Wenn es geht, länger.

Diesmal steht mir also eine Grenzerfahrung bevor, die mich ganz gewollt um den Schlaf bringt – und das sogar schon am Abend vor dem Start des Experiments. Während ich im Bett liege und vor meinem inneren Auge schon einmal die nächsten Tage durchspiele, frage ich mich: Wie zum Teufel soll ich das nur durchhalten? Schließlich ist Schlafentzug eine bis heute genutzte Foltermethode. Sie soll die Widerstandskraft einer Person brechen und deren klares Denken stören, ohne körperliche Spuren zu hinterlassen. Wissenschaftler sagen, dass eine zu lange Wachphase Schizophrenie-Symptome hervorrufen kann. Einige Probanden, die für eine Studie gerade mal 24 Stunden am Stück wach bleiben mussten, bildeten sich ein, dass sie Gedanken lesen könnten. Dagegen harmlose Symptome waren Lichtempfindlichkeit und eine veränderte Körperwahrnehmung.

Die erste Nacht steht bevor

Koffein und Späti-Tipps sollen helfen

Um 9.20 Uhr klingelt der Wecker. Ausgeschlafen fühle ich mich nicht. Spitzenvoraussetzung, denke ich, während ich meine Bettwäsche zusammenfalte. Aber die ersten Stunden vergehen schnell, wie jeden Freitag powere ich mich beim Sport aus. Am Abend gehe ich zum Supermarkt. Für die nächsten Nächte will ich gerüstet sein. Am Ende der Shoppingtour ist mein Einkaufswagen voll mit ungesundem Zeug: Red Bull (und zwar verdammt viel davon), Kaffeepulver (wahrscheinlich besser als intravenöse Koffeinzufuhr), Pizza und Chips (das muss man kauen, und Bewegung hält ja bekanntlich wach), Peperoni, extra scharfer Senf (etwas Feuer auf der Zunge hilft bestimmt) und Zitronensaft (sauer macht lustig, heißt es ja).

Es ist mittlerweile 22 Uhr und ich fühle mich noch recht fit. Während ich mit der Müdigkeit noch keinerlei Probleme habe, frage ich mich nur, wie ich mit dieser verdammten Langeweile umgehen soll. Im Internet gebe ich ganz stumpf „Wach bleiben trotz Langeweile“ ein. Ähnlich dämlich wie meine Anfrage fällt die Antwort aus. In einem Ratgeber-Forum schreibt ein User: „SB funktioniert immer, ansonsten Zocken und viel Energy trinken.“ Nun gut, kann ich ja machen, denke ich mir. Doch was zur Hölle bedeutet SB? Ich scrolle weiter herunter, wo sich ein anderer Leser dieselbe Frage gestellt hat. „Laurenzia11“ klärt mich auf: SB steht für Selbstbefriedigung. Macht das nicht eher müde? Ich entscheide mich fürs Zocken.

Um zwei Uhr ist es soweit: Meine Augen werden trocken, durch meine Kontaktlinsen sehe ich längst nicht mehr so klar wie sonst. Ich spüre, wie ich ohne Grund anfange zu schwitzen. Und schlapp fühle ich mich auch irgendwie. Klarer Fall, ich muss was tun. Eine Stunde nach einem „Extraschub Energie“ aus der Dose bin ich müder als zuvor. Ich komme auf zwei blöde Einfälle: Sport und Spülen. Erst wasche ich mein Geschirr ab, danach jogge ich eine Runde durch den Volkspark Friedrichshain. Das alles zwischen vier und fünf Uhr morgens, versteht sich. Aber schon jetzt gehen mir die Ideen aus.

Sieben Uhr, und ich bin seit fast 22 Stunden wach. Auf meinem Smartphone schaue ich nach, ob mich vielleicht irgendjemand meiner Freunde bei Facebook unterhalten kann. Doch zu so früher Stunde ist außer mir natürlich keiner wach. Die Monotonie frisst mich zunehmend auf. Mit dem Smartphone in der Hand fallen mir immer wieder für ein paar Sekunden die Augen zu. Damit ich nicht dauerhaft wegtrete, klingelt mein Handy-Wecker im Fünf-Minuten-Takt. Im stetigen Kampf mit meinen Augenlidern entwickle ich einen Plan für den Rest des Samstags. Um 13 Uhr geht es los Richtung Alexanderplatz. Mit meinem Kollegen Marcel verabrede ich mich für eine Promo-Aktion. Am Alex verteile ich 1weiter-Postkarten an Menschen, die sie nicht haben wollen. Ziemlich aufdringlich wedle ich den fremden Leuten damit vor der Nase herum. Eigentlich dachte ich, dass diese mir durchaus peinliche Aktion Adrenalin in meinen Körper spülen würde. Doch das Gegenteil ist der Fall: Ich bin am nächsten Tiefpunkt angelangt. Wachbleiben macht erfinderisch: Zu Hause klemme ich mir Zahnstocher zwischen die Augenlider und tauche meinen Kopf in ein Waschbecken voller Eis. Zumindest Letzteres bringt mich wieder halbwegs in Fahrt und ich fühle mich nicht mehr wie in Trance.

Endspurt

Party und danach zur Arbeit

19 Uhr. 34 Stunden sind es jetzt bereits. Für mein Abendprogramm habe ich mir eine Buchlesung vorgenommen, aber dort halte ich es nur kurz aus. Nach einem Zwischenstopp in meiner Wohnung, wo ich freiwillig eine Tasse Kaffee trinke – was ich normalerweise nie tue –, geht es auf die Berliner Biermeile. Mit ein paar Freunden gönne ich mir einen halben Liter. Ich fühle mich wieder gut. Müde? Ich?! Noch lange nicht. Als ich die Biermeile verlassen will, kommt mir eine als Superhelden verkleidete Männergruppe entgegen. Perfekt, sage ich mir. Wenn mir jemand einen Tipp geben kann, dann einer von denen. Doch mehr als großkotzige Sprüche („Ich war schon mal sieben Wochen am Stück wach“) höre ich nicht von ihnen. Sind doch alles nur Angeber, diese Superhelden. Jetzt geht es erst so richtig los. Unsere Truppe von vier Frauen und drei Männern treibt es in die Disko. Mit Wodka-Red-Bull will ich mich durch meine zweite Nacht retten. Klappt auch ganz gut. Zwei Uhr morgens: Ich tanze. Vier Uhr: die Frauen gehen, ich feiere weiter. Sechs Uhr: Ich will diesen Club nie mehr verlassen – nie mehr!

Acht Uhr: Ich sitze auf meiner Couch und bekomme meine Augen nicht mehr auf. Fast 48 Stunden bin ich jetzt wach und an meiner Grenze angelangt. Ich höre nur, wie mein Kumpel Robert, der eine Nacht mit mir durchgehalten hat, immer wieder meinen Namen sagt: „Daniel, wie geht's dir?“ Träume ich? Ich schaue ihm direkt ins Gesicht, aber ob das die Realität ist oder eine Traumwelt, kann ich nicht beurteilen. Erst später auf einem Video sehe ich, dass ich ihm auf seine Fragen geantwortet habe. Eigentlich unglaublich, dass ich um 12.30 Uhr arbeiten muss und auch arbeiten werde. Doch all das war Teil des Plans. Schon in der Konferenz besteche ich durch Unwissenheit. Mein Chef will Details zu den Sportthemen hören. Von mir hört er allerdings nicht sehr viel. Ich entschuldige mich, lasse den Rest der Konferenz an mir vorbeiziehen und schleiche zu meinem Platz zurück. Meine Kollegen gehen häufiger lächelnd an mir vorbei. Kein Wunder: Auf dem Stuhl liegend und mit dem Kinn fast an der Tischkante festgenagelt hänge ich halbwach, halbschlafend vor meinem Bildschirm. So still wie heute sieht man mich selten. Bloß kein Gespräch anfangen. Um Gottes Willen keine Rückfragen. Alles ist zu anstrengend. Am besten überhaupt niemanden anschauen! Das ist meine Überlebenstaktik, mit der ich es, ohne eine besondere Leistung vollbracht zu haben, in den Feierabend schaffe.

23.30 Uhr. Unsere Blicke treffen sich. Ich kann nicht mehr wegsehen, die Versuchung ist einfach zu groß. Wir kommen uns immer näher, gleich werden wir uns berühren. Ich kann mich selbst nicht bremsen, kann den Avancen nicht mehr widerstehen. Dann sind mein Bett und ich wieder vereint. Ich lege mich hin und schlafe endlich ein. Nach 62 Stunden.

comments powered by Disqus

Zurück zur Startseite