Serie „MitutaKopfweh“: Unser Reporter Daniel Mituta bekommt gemeine Aufgaben. Teil 1: Wie ist es, vor 1000 Menschen zu singen – wenn man nicht singen kann?

Ich bin kein schlechter Sänger. Egal, was die anderen sagen. Wenn ich nur will, dann kann ich singen. Unter der Dusche hört sich meine Stimme schließlich auch richtig gut an. Nun ist es an der Zeit, es allen zu zeigen – beim Bearpit-Karaoke im Berliner Mauerpark, eine Berliner Institution.

Jeden Sonntag lockt Veranstalter Joe Hatchiban 1.000 Zuschauer und mehr vor die Bühne. Mit einem Laptop und zwei Musikboxen ausgestattet bringt er wilde Partyhengste, aber auch echte Talente zum Singen.

An diesem Wochenende bin ich dran, nur noch ein Tag bis zu meinem großen Auftritt. Einmal schlafen, bis ich mich vor 1.000 Menschen blamieren werde.

Ein Tag vor dem Auftritt

Die Aufregung steigt

Mein Song ist „I will survive”. Ein Klassiker, seit fast 40 Jahren ein Party-Hit. Schon jetzt steht fest: Bei meinem Karaoke-Auftritt werde ich eine ganz neue Version daraus machen. Nicht unbedingt freiwillig.

Wieder und wieder spiele ich das Lied bei YouTube ab, stelle die Sprachmemo-App auf meinem iPhone ein und singe drauf los. Beim ersten Versuch mache ich es so wie sonst – unter der Dusche. Das Abspielen der Aufnahme lässt mich rot werden. Wie konnte ich nur jemals gedacht haben, dass sich mein Gesang gut anhören würde?

Nächster Versuch, diesmal eine Oktave tiefer. Es wird nicht besser. Dazu mein Kopfkino: Werden die Leute mich ausbuhen? Bekomme ich am Ende überhaupt einen Ton aus mir heraus? Vielleicht kann ich mich ja noch irgendwie aus der Affäre ziehen, denke ich. Irgendwie... Doch daraus wird nichts! Aber es muss doch irgendwas geben, womit ich vielleicht nicht so doof dastehen werde, wie ich es mir bisher ausmale. Nur was?

Ein Anzug soll mich retten

Die geniale Idee habe ich am Sonntagmorgen: Ich besteche durch ausgezeichnetes Aussehen und trete im Anzug auf. Vielleicht lenkt zumindest das von meinem Gesang ab.

Sonntag, 14 Uhr. Vor Aufregung mache ich mir fast in meine feine Anzughose. Ich schwitze, ob vor Angst oder wegen der 35 Grad im Schatten – ich weiß es nicht. In jedem Fall erregt mein Anzug Aufmerksamkeit. Ich fühle mich beobachtet. Eigentlich wäre jetzt die perfekte Gelegenheit, sich wie ein Star zu fühlen, wenn ich nicht noch diesen Auftritt vor mir hätte.

Ich treffe Joe Hatchiban, das Karaoke-Monster vom Mauerpark. Schnell hole ich mir noch ein paar Tipps bei ihm ab.

Tipps vom Karaoke-Profi

„Etwas auszuziehen würde helfen”

Die Show beginnt. Die ersten Sänger betreten die Bühne. Fast alle können singen. Mit Joe habe ich ausgemacht, dass ich ihm ein Zeichen gebe, wenn ich auf die Bühne will. Wobei von „wollen” keine Rede mehr sein kann. Ich muss. Ein Zurück gibt es schon lange nicht mehr.

Schließlich ist es soweit, die Bühne gehört mir. Mein Herz schlägt wie verrückt, ich spüre die Blicke der Menschen. Sie machen jeden Schritt von mir tonnenschwer. Ich reiche Joe die Hand, er stellt mich der Menge vor. Ein paar Leute klatschen, viele schauen skeptisch. Joe macht Witze über meinen Anzug. Ganz toll, genau das brauche ich jetzt.

Die Show beginnt

3 Minuten Ruhm im Mauerpark

Er drückt mir das Mikro in die Hand. Die ersten Töne erklingen. Ich bemerke den Jubel der Leute. Schön, das Lied haben sie schon mal erkannt. Ich drehe mich zum Monitor und es geht los: „First I was afraid...” Nach den ersten zwei Sätzen aus meinem Mund, wissen die Menschen Bescheid. Der schicke Anzug steht nicht für einen guten Sänger, sondern für einen Clown. Ein Clown, der nicht mal den Text beherrscht. Der nicht mal richtig witzig ist.

Der Jubel lässt nach, mich beschleicht das Gefühl, dass die Leute sich langweilen. Also muss ich entscheiden: Springe ich über meinen Schatten? Oder langweile ich weiter und kassiere am Ende Buhrufe? Schlagartig kommen mir Joes Worte wieder in den Kopf: „Wenn du etwas ausziehen könntest...” Als der Song sich dem Ende zuneigt, gebe ich mir einen Ruck. Mehr holprig als lässig ziehe ich mein Jackett aus. Es funktioniert: Die Leute jubeln. Ich bin überfordert, grinse in mich hinein. Was jetzt? Hm, Joe hat auch was von Herumschleudern gesagt... los geht's! Wieder Ekstase! Wenn schon blamieren, dann richtig, denke ich mir. Und lieber unterhalten als langweilen.

Ein begeistertes Publikum

„Ich würde dich sofort heiraten”

Geschafft! Survived! Der Song ist zu Ende. Ich bin voller Adrenalin. Kann gar nicht aufhören zu grinsen. Die Texthänger? Vergessen. Die katastrophale Gesangsleistung? Egal! Ich habe mich blamiert, und es hat Spaß gemacht. Diesen Tag werde ich wohl nie vergessen – aber ganz sicher auch nicht wiederholen. Keine Angst! Denn ich weiß ja jetzt: Singen kann ich ganz sicher nicht.

Nächste Folge von „MitutaKopfweh“: Daniel muss 48 Stunden die Wahrheit sagen – und nichts als die Wahrheit!

Mauerpark, Berlin

Hier kommen Karaoke-Fans auf ihre Kosten

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