Jochen Wegner saß am 11. September 2001 in einem Flugzeug nach New York. Nachdem Terroristen mit drei Flugzeugen in das New Yorker World Trade Center sowie das US-amerikanische Verteidigungsministerium flogen, mussten der Chefredakteur von „Zeit Online" und die anderen Passagiere in Neufundland zwischenlanden. Nun berichtet Jochen Wegner auf 1weiter.net, wie er den Anschlag am 11. September vor 13 Jahren erlebt hat:

„Am Dienstag, den 11. September 2001, steigen wir in den Flug Northwest 61 nach New York. An Bord sind 331 Passagiere. Jakob arbeitet in der Lebensmittelindustrie und fliegt für eine Hochzeit nach New York. Der Brückenbauer Johann aus Küsnacht bei Luzern besucht seine Tochter, die an der Wall Street Deutsch unterrichtet. Frederica aus Mailand will ein Jahr in der Stadt bleiben und „irgendwie jobben".

Um 10.30 Uhr New Yorker Zeit, zwei Stunden vor der geplanten Landung, Durchsage des Captains: Alle drei New Yorker Flughäfen seien gesperrt. NW 61 werde deshalb in Neufundland zwischenlanden.

Der Mann einer Mitreisenden arbeitet im World Trade Center

12.30 Uhr Neufundland-Zeit, Landung in Gander. Neue Durchsage: „Es ist etwas geschehen, das sich nur mit Vietnam vergleichen lässt. Die USA befinden sich im Krieg.“ Mehrere Flugzeuge seien entführt, zwei in die Zwillingstürme des World Trade Center gestürzt. Eine Frau bricht zusammen: Ihr Mann arbeitet im Südturm.

In den nächsten Stunden füllen sich die Landebahnen mit gestrandeten Passagiermaschinen. Am Ende werden es 34 Flugzeuge sein, mit 6650 Passagieren. Gander hat 9000 Einwohner.

„Sie können jederzeit ins Gefängnis wandern“

Am Mittwoch um 5.30 Uhr, nach 17 Stunden auf dem Rollfeld, dürfen alle von Bord. „Sie verlassen jetzt amerikanischen Boden“, warnt der Captain. „Seien Sie freundlich zum Sicherheitspersonal. Sie können jederzeit ins Gefängnis wandern.“

6.30 Uhr. Schulbusse bringen die Passagiere in Kirchen, Schulen oder Kasernen. 80 Menschen werden vor dem Gemeindezentrum des Dörfchens Appleton abgesetzt. Am frühen Morgen hat der Bürgermeister die 700-Seelen-Gemeinde alarmiert. Jetzt stehen in seiner Küche Holzfäller, Lachsfischer, Lehrerinnen als freiwillige Helfer. Seine Dusche hat er in Volkseigentum überführt: „Geht nur rüber, die Tür ist offen, Bier steht im Kühlschrank.“

Der Bürgemeister überlässt den Passagieren seine Dusche

Matratzen, Decken und Kissen füllen den Gemeindesaal. Niemand schläft: Entsetzensschreie, als auf dem Fernseher zum ersten Mal die Bilder laufen, die, ständig wiederholt, den Rhythmus der folgenden Tage bestimmen sollen. Das Barbecue mit Würstchen und Steaks, Kuchen und Eistee könnte ein kleines, multikulturelles Volksfest sein, wären da nicht die Bilder.

Die Älteren übernachten bei Gastfamilien. „Die haben über Nacht meine Kleider gewaschen“, berichtet Sal, ein Restaurantbesitzer aus Connecticut. So habe auch seine persönliche Odyssee „einen Sinn bekommen. Wir hätten diese wunderbaren Menschen sonst nie gefunden.“

Am nächsten Nachmittag tritt der Captain auf die Veranda des Gemeindezentrums und hält eine Rede. Es sehe so aus, schließt er, als könne NW 61 noch heute Nacht starten. Für den Abend hatte der Bürgermeister eine Party geplant. Sie wird zum Abschiedsfest. Bei seiner Rede weint er.

Um 4.20 Uhr sitzen alle Passagiere in der Maschine. Die meisten Europäer an Bord wollen nicht mehr nach New York, sondern nach Hause. Einer kleinen Gruppe gelingt das Unmögliche: Sie startet nach einem Zwischenstopp in Detroit mit der ersten Maschine Richtung Amsterdam.

Montag, 17. September 2001. Die letzten Maschinen in Gander, berichtet der Bürgermeister am Telefon, sind gestartet. „Wir vermissen euch sehr“, sagt er. Ein deutscher Passagier hat eine Website eröffnet: www.thankstogander.de.“

„Ab heute ist die Welt eine andere“

Auch Bettina Schausten hatte 1weiter.net berichtet, wie sie den Anschlag vom 11. September 2001 erlebt hat. Die Schilderung der Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios finden Sie hier.

Foto: Vera Tammen / ZEIT

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