Serie „MitutaKopfweh“: Unser Reporter Daniel Mituta bekommt gemeine Aufgaben. Teil 2: 48 Stunden die Wahrheit sagen – und nichts als die Wahrheit.

„Wie oft masturbierst du pro Woche?“ Die Frage an mich ist gnadenlos. Aus geselligem Zusammensein wird plötzlich bitterer Ernst. Mit großen Augen und schelmischem Grinsen warten neun Leute, die um mich herum sitzen, auf eine Antwort und schauen mich gespannt an. „Habt ihr sie noch alle? Das geht euch gar nichts an!“ Würde ich gerne sagen. Nur diesmal geht das nicht.

Beschämt schaue ich in das Glas in meiner Hand und weiß: Ich muss ihnen antworten. Ob ich will oder nicht. Zwei Tage lang - nichts als die Wahrheit.

Lügen verboten

Ganz oder gar nicht: Mit einer Facebook-Nachricht mache ich es offiziell. Keine Lügen mehr. Wer etwas wissen will, darf mich fragen. Ob Freundin oder entfernter Bekannter. Jeder weiß Bescheid.

Ich und neun Kollegen von mir sitzen im Café vor dem Axel-Springer-Hochhaus. Es ist Freitagabend. Wir trinken Bier, haben Spaß. Das heißt: die anderen. Ich dagegen mache nebenbei einen Seelen-Striptease.

Eine Kollegin fragt mich: „Wenn ich eine Schönheits-OP machen würde, was sollte ich dann operieren lassen?” Nervös rutsche ich auf dem Stuhl hin und her. Die anderen lachen. Wie bin ich hier nur reingeraten? Ich druckse herum, doch schließlich gebe ich ihr die Antwort: „Wenn, dann die Nase.”

Stille.

Statt freudiger Gesichter ernste Mienen. Die gute Stimmung ist weg. Das schlechte Gewissen, es breitet sich in meinem Körper aus. Ich fühle mich gelähmt. „Okay, das zeigt, dass Daniel wirklich ehrlich ist”, sagt die Betroffene. Ehrlichkeit kann grausam sein.

„Pinkeln oder Kacken?”

Höchste Zeit für einen kurzen Rückzug. Ich muss aufs Klo, sage ich den anderen. Ein Fehler. „Pinkeln oder Kacken?” fragt Caro, noch während ich den Stuhl nach hinten schiebe. Ich muss lachen. Die gute Stimmung ist zurück – auch bei den anderen. Immerhin. Nachdem ich klargestellt habe, dass ich schnell zurück sein werde, verschwinde ich in Richtung Toilette.

Auf dem Weg zurück werfe ich einen flüchtigen Blick auf mein iPhone. Eine Nachricht von einem alten Fußballkumpel. Und wieder eine unangenehme Frage. „Sind deine Haare echt? Und wenn, hast du unten rum ähnlich viel wie Dante?” Auf meine Locken werde ich häufig angesprochen. Auf meine Intimfrisur eher selten. In meiner Antwort erwähne ich kurz, dass ich ungern darüber Auskunft gebe – doch kneifen will ich auch nicht.

Meine Kollegen aus der Akademie sind also nicht mehr die einzige Gefahr. Die Social-Media-Dampfwalze hat es ebenfalls auf mich abgesehen.

Zurück am Tisch der Wahrheit prasseln die nächsten Fragen auf mich ein. Hemmungen sind fehl am Platz. Alles braucht eine Antwort.

„Findest du dich gut aussehend?” – Eigentlich schon, na und?

„Wer ist die Hübscheste von uns?” – Muss jetzt nicht unbedingt jeder wissen – ich verrate es trotzdem.

Stopp, es reicht! Ich will nicht mehr.

Daniel Mituta

„Wer aus unserem Kurs wird nichts erreichen?” – Stopp, es reicht! Ich will nicht mehr, denke ich. Sobald ich andere mit meinen Aussagen verletze, muss auch mal gut sein. Doch ich rede weiter. Glücklicherweise ist keiner von uns komplett auf den Kopf gefallen. So kann ich ehrlich antworten: Ein Niemand wird später keiner von uns sein. Ich blicke in frohe Gesichter.

Ehrlichkeit steckt an

Langsam gewöhne ich mich an die Fragenbombardierung. Betäubt durch mehrere Gläser Bier, sinkt auch bei mir die Hemmschwelle. Rückfragen an meine Kollegen sind ebenfalls erlaubt. Sogar erwünscht. Nicht mehr nur ich bin hier derjenige, der ehrlich ist. Auch die anderen plaudern pausenlos von sich.

Einer trägt keine Unterhosen. Eine hat sich in einen Kollegen aus dem Kurs verguckt. Und die nächste guckt gerne Lesbenpornos. Festtagsstimmung am Tisch.

Ehrlichkeit bringt offensichtlich nicht nur Probleme, sondern auch andere zum Reden.

Ein Freund von mir sieht das anders: „Findet ihr das nicht moralisch fragwürdig?” Vor einer halben Stunde ist er dazugestoßen und sitzt mit meinen Kollegen und mir an einem Tisch. Hinter seiner Brille mit dickem, schwarzem Rahmen versteckt, nimmt er die Diskussionen fast geistesabwesend zur Kenntnis. Ohne ein Wort zu sagen. Bis jetzt. „Das ist doch sensationsgeil, was ihr die ganze Zeit fragt! Denkt doch mal darüber nach!”

Wieder Stille.

Wir tauschen Blicke aus. Unrecht hat er nicht. Einer kratzt sich verdutzt mit der Hand an der Stirn. Auch die anderen bringen kein Wort raus. Habe ich mir doch selbst eingebrockt, könnten sie sagen. Machen sie aber nicht. Dürfen sie meine Ehrlichkeit schamlos ausnutzen? So zumindest war das Experiment abgesprochen.

Kurz danach fahre ich nach Hause. Es ist ein komischer Abschluss des Tages.

Showdown: Die Freundin ruft an

Ein neuer Morgen. Die nächste Härteprüfung steht bevor. Das Telefonat mit meiner Freundin. Nicht, dass ich etwas zu verheimlichen hätte. Aber ich bin aufgeregt und ich weiß nicht warum.

„Hallo”, sagt sie.

„Hey, wie läuft dein Projekt?”

„Gut, aber gestern war anstrengend.”

Es läuft nicht gut. Das merke ich. Gleich kommt die Rückfrage, gleich kommt die Rückfrage. Ich merke, wie ich rot im Gesicht werde.

„Was haben Sie dich denn alles gefragt?” Klingt harmlos. Ist aber das Gegenteil. Am anderen Ende herrscht verdächtige Stille. Schlimmer geht's nicht. Ich fühle Unbehahgen. Für gewöhnlich verschweige ich gern die Dinge, die nur unnötig Ärger machen. Und nun? Na logo, ich erzähle alles. Dass Freunde und Kollegen jetzt die intimsten Dinge von mir wissen. Dass sie wissen, welche Frau aus meinem Kurs ich am hübschesten finde. Und und und. Das Telefonat dauert nicht lange.

Ehrlichkeit erzeugt Eifersucht.

Bittere Wahrheit

Am Abend lese ich die Nachricht von einer alten Freundin: „Was glaubst du, warum haben wir uns aus den Augen verloren?” Ich habe sie erst vor wenigen Tagen nach langer Zeit wiedergesehen. Jetzt fragt sie mich: „Glaubst du, wir sind wieder auf einem guten Weg?” Ich wünschte, ich müsste nicht ehrlich sein. Einfach die üblichen Floskeln raushauen. Sagen, dass es cool wäre, wenn wir uns wieder öfter sehen. Doch ich glaube nicht daran. Also sage ich ihr, dass es unwahrscheinlich ist, dass wir wieder Kontakt wie früher haben.

Eine Antwort bekomme ich nicht.

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