Von der Mutter zur Flucht gezwungen muss ein junges Mädchen alleine in der Fremde ihren Weg gehen. Doch das Land ihrer Mutter lässt sie nie los.

Mit 21 Jahren flieht Fathiyeh Nagibzadeh mit ihrer Mutter vor dem islamischen Regime im Iran. Hilflos, ohne ein Wort Deutsch zu können, steht sie in Deutschland auf der Straße. Völlig einsam – denn ihre Mutter fährt alleine in den Iran zurück.

„Jetzt reicht’s“, denkt Fathiyeh und stellt ihren Beutel auf das Autodach des Revolutionswächters. Die 21-Jährige kommt gerade vom Basar, sie hat alle Hände voll zu tragen, und das verdammte Kopftuch ist schon wieder runtergerutscht. Der Revolutionswächter tobt hinter seiner Windschutzscheibe, er zeigt wütend auf ihre entblößten Haare. Jede Sekunde könnte er aus dem Auto springen und Fathiyeh verhaften. Es ist persisches Neujahr 1984, fünf Jahre nach der islamischen Revolution. Und es ist der Anfang der Geschichte von Fathiyeh Naghibzadeh und ihrer Flucht aus dem Iran. Eine Geschichte, die für das Schicksal Tausender junger Frauen steht.

Das Symbol der Unterdrückung

Fast 30 Jahre ist es her, dass sie ihr Land verlassen musste. Noch immer fällt es ihr schwer, über die Trennung von Familie, Freunden, der Heimat zu sprechen. „Es hat Jahre gedauert, bis ich mich mit dem Gedanken abgefunden hatte, in Deutschland bleiben zu müssen, solange die Mullahs den Iran regieren“, sagt die heute 51-Jährige. Um die Trauer zu verarbeiten, kämpft sie als politische Aktivistin gegen das Teheraner Regime. Wirtschaftliche und politische Verbindungen zwischen Europa und dem Iran skandalisiert sie. Startet Petitionen und Demonstrationen. Ihr zweiter Kampf gilt dem Kopftuch. Für sie ist es das Symbol der Unterdrückung.

Dann kam Khomeini und seine erste Verordnung lautete: Frauen müssen Kopftuch tragen. Es war wie eine kalte Dusche für mich.

Als die islamische Revolution 1979 losbricht ist Fathiyeh 16 Jahre alt. „Am Anfang war ich begeistert“, erzählt Fathiyeh. „Die Leute wollten den Schah stürzen! Ich war eine glühende Revolutionärin.“ Ihre Familie warnt sie damals. „Sie sagten, dass ich es bereuen werde, wenn Khomeini an die Macht kommt. Dass ich dann Kopftuch tragen muss und nicht arbeiten darf. Ich glaubte ihnen nicht. Dann kam Khomeini und seine erste Verordnung lautete: Frauen müssen Kopftuch tragen. Es war wie eine kalte Dusche für mich.“

Der Kampf der Frauen

Gemeinsam mit Zehntausenden Iranerinnen stürmt Fathiyeh die Straßen, protestiert gegen den Schleierzwang. „Wir haben nicht gegen die alte Diktatur gekämpft, um uns einer neuen zu beugen“, skandieren sie bei ihren Demos.

Die Anhänger des neuen Regimes schlagen die Proteste nieder. Wenn Fathiyeh jetzt das Haus ihrer Mutter in Teheran verlässt, muss sie Kopftuch tragen. Studieren darf sie nicht. Lippenstift und Make-Up sind verboten.

Doch die iranischen Frauen üben stillen Protest. „Es gab einen ständigen Krieg zwischen uns und der islamischen Sittenpolizei“, erzählt Fathiyeh. „Sie wollten uns mit Gewalt unterdrücken, aber sie haben es nie ganz geschafft.“ Die Frauen tragen bunte Kopftücher, schöne Mäntel, Lippenstift und Schminke. „Mit Glasscherben haben die Sittenwächter Freundinnen von mir die Schminke aus dem Gesicht gekratzt. Diese Brutalität war für uns Alltag.“

„Als wäre ich im Exil“

Fathiyeh über ihren Alltag im Iran nach der islamischen Revolution

Wenn die Mädchen verhaftet werden, müssen sie ein Schriftstück unterschreiben. Inhalt: Ich bin eine Hure, ab jetzt werde ich mich sittsam benehmen. „Eine Freundin von mir hat sich geweigert zu unterschreiben und wurde für einen ganzen Monat in Haft behalten. Viele Mädchen in meinem Alter waren zu der Zeit im Gefängnis. Ich zum Glück nie.“

Fathiyeh macht sich nichts aus Schminke, ihre Rebellion sind ihr ständig verrutschtes Kopftuch und ihre bunten Mäntel: „Ich hatte ein helles Modell, das nur einen Knopf am Kragen hatte und nicht übers Knie ging. Das war streng verboten! Aber mein Bruder hatte mir den Mantel aus Paris geschickt, und ich fand ihn todschick“, erzählt sie.

Selbst Lachen war für uns verboten.

Als kurze Zeit darauf der Krieg zwischen Iran und Irak losbricht, sind helle Sachen gänzlich tabu. Selbst das Lachen auf der Straße ist untersagt. „Einmal wurde ich mit meiner Mutter, meiner Tante und meiner Cousine auf der Straße angehalten. Ein sehr aggressiver Revolutionswächter sprang aus dem Auto und schrie uns an: 'Warum lacht ihr? Leute sterben an der Front!' Und ich habe nur gedacht: 'Na und? Wir leben!'“

Der Moment der Entscheidung

Die Mutter habe sie immer sehr behütet, erinnert sich Fathiyeh. Sie wächst mit fünf älteren Brüdern auf. Der Vater stirbt, als sie fünf ist. „Meine Mutter wollte unbedingt eine Tochter haben. Ich war ihre beste Freundin und sie war meine.“

Wenn Fathiyeh auf die Straße geht, hat die Mutter immer Angst. Kommt sie wieder? Kann sie der Sittenpolizei entkommen, oder wird sie dieses Mal ins Gefängnis gesteckt?

„Es waren oft die Taxifahrer, die mich in letzter Sekunde gerettet haben“, erzählt Fathiyeh. So auch an jenem Tag 1984, als sie den Beutel auf das Autodach des Revolutionswächters gestellt hat, um ihr Kopftuch zurechtzurücken. Ein Taxifahrer hat mit quietschenden Reifen angehalten und sie ins Auto gezogen. „Er schimpfte fürchterlich mit mir. Erzählte, dass er gerade vom berüchtigten Folter-Gefängnis Evin komme, weil er eine Mutter zu ihrer Tochter gefahren habe. 'Willst du, dass dich deine Mutter dort besuchen muss?' fragte er mich, als er mich nach Hause fuhr.“

Zu Hause wartete die Mutter schon im Garten, der Taxifahrer schimpfte lautstark mit ihr. „Ich glaube, das war der Punkt, an dem meine Mutter entschieden hat, dass ich den Iran verlassen muss.“

Flüchtling wider Willen

Im darauffolgenden Sommer, 1985, muss die Mutter für eine medizinische Behandlung nach Europa. Fathiyeh ist gerade 21 geworden und soll sie begleiten. „Ich wunderte mich noch, warum ich auch Wintersachen einpacken sollte.“ In Deutschland erfährt sie es.

Als sie landen, sagt ihr die Mutter, dass sie dortbleiben soll. Alleine, ohne sie, ohne ihre Freundinnen, ohne das Land zu kennen. Für immer.

„Erst fand ich die Idee spannend! Ich mochte, wie frei die Jugendlichen hier waren; dass die Mädchen keine blöden Kopftücher aufhatten, sondern tragen durften, was sie wollten.“

Doch als der Tag der Trennung kommt, verlässt sie der Mut. Fathiyeh will nicht alleine in dem Land zurückbleiben, in dem sie nicht einmal die Sprache versteht. „Aber meine Mutter blieb fest entschlossen. Ich weinte und weinte, hielt mich sogar an ihrem Rock fest. Doch meine Mutter schubste mich mit aller Kraft von sich und sagte: ‚Du kommst nicht mit!' Meine Mutter war kein Mensch, der oft weinte. Doch in diesem Moment war ihr Gesicht von Tränen bedeckt.“

Eine neue Heimat?

In den darauffolgenden Monaten trifft Fathiyeh viele Mädchen, die das gleiche erlebt haben. „Unsere Eltern haben uns weggeschickt, ins Ungewisse gestoßen, damit wir ein besseres Leben haben. Es muss die schwerste Entscheidung sein, die Eltern treffen können. Doch meine Mutter wusste, dass dieser Schritt das Beste für mich ist. Ich habe mich trotzdem monatelang gefragt: Was hat sie sich dabei gedacht?“

Einige der Mädchen schafften es nicht, erzählt Fathiyeh, lebten auf der Straße, stürzten ab. Sie selbst findet Anschluss zu anderen Exil-Iranern und hat Glück mit ihrer Asyl-Sachbearbeiterin, die ihr eine Wohnung vermittelt. Wenn das Heimweh zu schlimm wird, ruft sie ihre Mutter an und bettelt, zurückkommen zu dürfen. Zurück in den Iran. Doch ihre Mutter sagt jedes Mal: „Nein, du bleibst da! Ich komme zu Dir.“

Als Khatami an die Macht kommt, steigt die Stimmung unter den Exil-Iranern: „Viele politisch denkende Menschen fuhren zurück in den Iran. Ich rief meine Mutter an und fragte sie, ob ich auch kommen darf. Aber sie sagte nur: 'Glaub mir, im Iran hat sich nichts geändert! Du bleibst wo du bist!’ Und dann kam sie wieder zu Besuch.“

Zwei Jahre später stirbt die Mutter. Ihr Grab konnte Fathiyeh bis heute nicht besuchen.

Ihr größter Traum

Der Tod der Mutter habe ihr politisches Bewusstsein weiter geschärft, sagt Fathiyeh. „Davor war der Iran immer noch das Land meiner Mutter, jetzt sehe ich noch deutlicher, wie elend die Menschen dort leben.“

„Nicht nur ein Stück Stoff“

Fathiyehs Kampf gegen das Kopftuch

Ihre Erinnerungen motivieren ihre politische Arbeit. In Berlin gründet sie gemeinsam mit ihrem Lebenspartner mehrere Organisationen, die sich gegen das iranische Regime einsetzen; sie spricht auf Kundgebungen und schreibt Artikel. 2009 war sie intensiv an den großen exil-iranischen Oppositionsproteste beteiligt. Vor einigen Jahren dreht sie ihren ersten Film: „Kopftuch als System“ erzählt von vier iranische Frauen, die - so wie Fathiyeh - fliehen mussten. Jetzt plant sie weitere Filme, will in die Länder des arabischen Frühlings reisen und junge Aktivistinnen treffen.

Ihr größter Traum ist die Rückkehr in einen freien Iran: „Ich wünsche mir, den Tag zu erleben, an dem die jungen Menschen im Iran auf den Straßen tanzen. An dem sie ihre persönliche Freiheit genießen können. Den Tag, an dem sie uneingeschränkt und frei wählen können, wer sie politisch vertreten soll, woran sie glauben wollen und wen sie lieben.“

„Der Hass muss aufhören“

Was sich Fathiyeh für das Land ihrer Mutter wünscht

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