Eine Geschichte aus unserer Community: Dan Annan begibt sich bewusst in Gefahr, um anderen Menschen das Leben zu retten. Spurlos gehen die Einsätze für die Frewillige Feuerwehr nicht an ihm vorbei.

Er hat eine Flasche Wasser in der Hand und geht langsam zwischen den Rettungswagen entlang, in denen die Verletzten behandelt werden. In denen die Toten liegen, die den Brand nicht überlebt haben. Dan Annan muss von seinen Kameraden aufgefordert werden, endlich einen Schluck zu trinken. Zu sehr ist er gedanklich noch in dem vierstöckigen Haus in der Eimsbütteler Straße in Hamburg. Er schaut auf den großen Rußfleck über der Eingangstür. Vor wenigen Minuten hatten noch knapp 40 Leute an den Fenstern gestanden. Sie haben geweint, vor lauter Panik geschrien. Jetzt herrscht absolute Stille.

Annan ist bei der Freiwilligen Feuerwehr. Er gehört zu den 2600 Menschen, die auf 87 Standorte verteilt die Berufsfeuerwehr im Hamburger Stadtgebiet unterstützen und bei Großbränden helfen. Bundesweit gibt es mehr als 24.000 freiwillige Feuerwehren mit mehr als einer Million Mitgliedern. Ehrenamtlich, neben Job und Studium, ist Annan von 19 bis 6 Uhr morgens in Bereitschaft. Ganztägig, jedes zweite Wochenende. Um immer erreichbar zu sein, trägt er einen digitalen Meldeempfänger, seinen „Pieper“, bei sich. Der ist nicht einmal so groß wie eine Zigarettenschachtel und lässt sich problemlos am Gürtel anbringen. Das Gerät piept nicht nur bei Bränden, sondern auch bei Verkehrsunfällen, Hochwasser oder Notfällen auf der Alster.

Feuerwehr ist kein Hobby

Am Mittwochabend, 20:07 Uhr, geht der erste Notruf bei der Feuerwehr ein. Wenige Sekunden später meldet sich Annans Pieper. „FEUY“ steht auf dem Display. Heißt: Feuer mit Menschen in Lebensgefahr. „Ich wusste also gleich, es brennt nicht nur ein Papierkorb oder eine Gartenlaube, sondern da geht es um eine akute Bedrohung“, erzählt er. Zu dem Zeitpunkt ist Annan gerade bei seiner Freundin angekommen, hat sich seine Jogginghose angezogen, freut sich auf einen gemütlichen Abend. „Aber Feuerwehr ist für mich kein Hobby. Das würde ja heißen, ich mach das nur, wenn ich Lust drauf habe. Nein, es piept irgendwann und dann springst du sofort auf und ziehst los“, sagt er.

Mit dem Fahrrad braucht er nur zwei Minuten zur Wache Pöseldorf. Er sammelt seine Ausrüs- tung zusammen und springt auf das zweite Löschfahrzeug. Annan gehört zum Angriffstrupp. Das sind zwei Kameraden, die sich mit Atemschutz ausrüsten und in das brennende Haus gehen.

Es brennt in einer Flüchtlingsunterkunft

Am Einsatzort angekommen, zieht er sich Maske und Flammschutzhaube ins Gesicht. „Damit die Ohren nicht verkohlen.“ Ein Angriffstrupp der Berufsfeuerwehr und einer der Freiwilligen Feuerwehr sind schon im brennenden Mehrfamilienhaus. Seine Kollegen versuchen die verängs- tigten Menschen an den Fenstern zu beruhigen und behutsam über Leitern außer Gefahr zu bringen. Sie müssen ihnen verständlich machen, dass sie alle Türen schließen und an den offenen Fenstern bleiben müssen, um nicht am Rauch zu ersticken. Allerdings: Die Betroffenen verstehen kein Wort Deutsch. Denn es brennt im Treppenhaus einer Flüchtlingsunterkunft. Annan erinnert sich: „Das waren so unglaublich viele Menschen auf engstem Raum. Das machte es noch schwerer, einzuschätzen, wie viele man rausholen muss.“

Nur in einer Wohnung tritt kein Bewohner ans Fenster. Annan versucht, die Geräuschkulisse auszublenden, um die Kommandos über Funk zu verstehen: Im vierten Stock seien zwei Personen aufgefunden worden – nicht ansprechbar. „Das heißt im Feuerwehrjargon irgendwas zwischen bewusstlos und tot. Für das weitere Vorgehen ist das aber egal. Die Personen müssen einfach schnell raus.“ Annan schnappt sich mit seinem Partner aus dem Angriffstrupp eine Trage und rennt Richtung Hauseingang. Ein Kollege kommt ihnen entgegen, stößt Annan beiseite. Sein Sauerstoff war aufgebraucht. Vor lauter Rauch kann Annan im Treppenhaus kaum etwas sehen. Er stolpert mit seinen schweren Stiefeln fast über den Löschschlauch – da stürmt ihm ein anderer Kollege mit einer Person auf dem Arm entgegen. „Das muss ein Kind sein – sonst könnte er es nicht so einfach tragen“, denkt Annan. Ihm folgen zwei weitere Feuerwehrleute, sie tragen ein zweites Kind. Die Anspannung des 24-Jährigen verfliegt: „Wir sollten zwei Leute rausholen. Das war schon geschehen.“ Dann packt ihn sein Partner an der Schulter, versucht, sich durch die Schutzmaske zu verständigen: Oben sei noch eine Frau. Sie und ihre zwei Söhne hätten sich so aneinander geklammert, dass die Personen-Zahl falsch geschätzt wurde.

Annan hat regelmäßig geübt, wie man Leute transportiert. Er hat Feuer gelöscht und Menschen reanimiert. Aber eine womöglich tote Frau hat er noch nicht aus einem brennenden Gebäude tragen müssen. Das Treppenhaus ist zu eng für die Trage. Sie müssen es ohne schaffen. „Die Mutter hatte keine Spannung mehr im Körper, ich konnte sie kaum greifen. Dann hatte sie noch Schlafklamotten an, die glitten mir aus den Händen. Aber du darfst keine Hemmungen haben und musst ordentlich zupacken.“ Der Kopf des Opfers ist nur wenige Zentimeter von Annans Gesicht entfernt. Ihm rutscht die Frau fast aus den Händen: „Scheiße, ich muss durchhalten!“

Distanz gewinnen

Ein Feuerwehrmann muss die zu bergende Person immer bis zu dem Ort bringen, wo er seinen Einsatz begonnen hat. Dann übernehmen andere. Eigentlich. In dem Fall ist draußen keiner da, der Annan die Person abnehmen kann. Sein Vorgesetzter ruft: „Nicht ablegen, weiter tragen.“ Annan: „Das war nicht das, was ich in dem Augenblick hören wollte, weil meine Arme unfassbar brannten.“ Er läuft zum nächsten Fahrzeug. Gleiche Situation: Keiner kann übernehmen. Im Laufschritt geht es die Straße runter.

„Das war der Moment der absoluten Hilfslosigkeit. Trotz meiner Ausbildung wusste ich nicht, was ich tun sollte“, sagt Annan. Eine Reanimation noch in den schweren Einsatzklamotten beginnen, mit Maske im Gesicht und Sauerstoffflasche auf dem Rücken? Für Annan unvorstellbar. Doch dann die Erleichterung: Ein weiterer Rettungswagen und ein Notarzt treffen gleichzeitig ein. Als die Frau in den Wagen geschoben wird, kann er sie zum ersten Mal betrachten: „Das Bild werde ich nicht vergessen. In so einer Situation sehen Opfer ziemlich unmenschlich aus.“ Er versucht Distanz zu gewinnen, obwohl er sie vier Stockwerke ganz nah an sich hatte. „Das ist dann das Opfer und nicht Frau XY.“ Viele seiner Freunde verstehen nicht, dass sich Annan immer wieder freiwillig diesen Strapazen aussetzt. „Neben all den banalen Dingen, die man in seinem Alltag macht, gibt es diese eine Sache, die ernst ist. Ich gehe bewusst da hin, wo alle anderen weglaufen.“

Erst später wird klar: Der Einsatz war nicht nur der schlimmste, den Annan bisher erlebt hat. Er war auch der dramatischste in Hamburg seit zehn Jahren – verursacht durch Brandstiftung: Ein 13- Jähriger mit psychischen Problemen hatte einen Kinderwagen im Treppenhaus angezündet. Die Mutter (33) aus dem vierten Stock und ihre beiden Söhne (6 und 7) haben nicht überlebt. 15 Bewohner mussten behandelt werden. „Ich war noch nie in solch einer Situation. Ich hatte danach das Gefühl, den ganzen Ablauf tausend Mal erzählen zu müssen. Immer und immer wieder.“ Die Bilder vom Einsatz schleichen sich in Annans Gedanken – bis heute: „Ich sage mir dann, dass ich nichts dafür kann. Dass ich nur gekommen bin, um zu helfen.“

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