Sechs Kugeln eines Amokläufers trafen vor 15 Jahren den Schauspieler Günter Lamprecht. Richtig erholt hat er sich davon nie mehr. Bis heute sieht er die Schuld nicht nur bei dem Schützen.

Er bat seinen Fahrer, direkt vor dem Eingang des Krankenhauses zu parken. Es würde nicht lang dauern. Er sei sowieso schon spät dran. Als er ausstieg, traf ihn der erste von sechs Schüssen an der Schulter. Die Wucht des Treffers warf ihn zu Boden. Dort sollte er noch fast eine Stunde in seinem eigenen Blut und dem seiner Lebensgefährtin liegen, die ihn begleitete.

Sechs Narben sind geblieben

Am 1. November 1999 wurde der Schauspieler Günter Lamprecht Opfer eines Amokläufers. Sechs Narben, eine Metallplatte in der Schulter, immer wieder kehrende Angstattacken und der Zorn über eine ungesühnte Schuld begleiten ihn seitdem. Der damalige Fassbinder-Star und „Tatort“-Darsteller gehört zu den Überlebenden des weitgehend vergessenen Amoklaufs von Bad Reichenhall.

Zögerlich sucht er nach Worten

Wenn Lamprecht heute darüber spricht, zum ersten Mal seit Jahren, will er nach ein paar Sätzen am liebsten abbrechen. Zögerlich tastet er sich dennoch mit Worten an das Erlebte heran. Er will nichts hervorziehen, was er nicht kontrollieren kann. Schon wenige Jahre nach dem Amoklauf sollte ein Film entstehen, der den Amok-Tag aus Lamprechts Sicht nacherzählt. Doch immer, wenn er über die Details jenes 1. Novembers berichten wollte, bekam er Angstträume. Er konnte nicht mehr schlafen, erlebte Panikattacken. Er musste zum Therapeuten, um zu lernen, mit dem posttraumatischen Stress umzugehen. Richtig befreien konnte er sich davon nie.

Der 16-jährige Schlosserlehrling Martin P. erschoss damals vier Menschen, verletzte fünf schwer und beging anschließend Selbstmord. Sein Motiv für die Tat ist bis heute unklar. Es gibt verschiedene Erklärungsversuche: Martin P. habe brutale Computerspiele gespielt, eine Faszination für den Nationalsozialismus gehegt, er sei ein Einzelgänger gewesen. Den Colt, die Schrotdoppelflinte, die Jagdbüchse und das Ruger-Selbstladegewehr hatte er aus dem Waffenschrank seines Vaters.

Dass es Lamprecht traf, war Zufall. Er spielte das Stück „Vaterliebe“ am Theater in Bad Reichenhall. Die letzte Vorstellung war am Abend vor dem Amoklauf. Weil der damals 69-Jährige an Knieproblemen litt, hatte er für den 1. November um 12 Uhr noch einen Termin in der Kreisklinik des Ortes. Seine Lebensgefährtin Claudia Amm begleitete ihn zum Arzt. Lamprechts Produktionsassistent Dieter Duhme fuhr die beiden zum Eingang des Krankenhauses in der Riedelstraße. Sie waren fünf Minuten zu spät.

Sie hat mir helfen wollen, was zwar lieb gemeint, aber völlig falsch war

Günter Lamprecht

Auch seine Partnerin wurde getroffen

Direkt gegenüber, in der Hausnummer 12, hatte Martin P. wenige Minuten zuvor aus dem Küchenfenster heraus das Nachbarehepaar erschossen. Ihre Leichen lagen in der Garageneinfahrt. Wahrscheinlich war auch seine 18-jährige Schwester schon tot, die gegen 12 Uhr nach Hause gekommen war. Ein 54-jähriger Patient des gegenüberliegenden Kreisklinikums starb an einem Kopfschuss vor dem Eingang der Klinik.

In dem Moment, als Lamprecht aus dem schwarzen Mercedes stieg, spürte er einen beißenden Schmerz in der Schulter, wurde einmal um die eigene Achse gewirbelt und fiel zu Boden. Seine Lebensgefährtin sprang aus dem Auto und lief auf ihn zu. "Sie hat mir helfen wollen, was zwar lieb gemeint, aber völlig falsch war." Claudia Amm wurde von mehreren Schüssen getroffen, einen davon im Bauch.

„Mein rechter Arm hing kaum noch an meiner Schulter“, erinnert sich Lamprecht. Trotzdem gelang es ihm, seine Lebensgefährtin und sich selbst unter das Auto in Deckung zu schieben. Dort lagen die beiden bis kurz vor 13 Uhr, da schoss Martin P. bereits seit einer halben Stunde nicht mehr. Wahrscheinlich war er bereits tot. Die Polizei war zwar vor Ort, wagte sich allerdings nicht in die Schusslinie. Es fehlte ein gepanzertes Fahrzeug, um ein sicheres Vorrücken zu garantieren. Keiner wusste, ob weitere Schüsse fallen würden. Lamprecht schrie erst noch um Hilfe, gab dann jedoch auf. „Jetzt ist Sterben angesagt. Das habe ich damals so empfunden.“

„Dieser tolle Mensch“

Der Sanitäter Rudi Lorenz rettete dem Schauspieler und seiner Partnerin das Leben, als er mit seinem Krankenwagen in die Schusslinie fuhr und die beiden vor Ort versorgte. „Dieser tolle Mensch“, so nennt ihn Lamprecht heute noch.

Nach dem Amoklauf war es für Lamprecht schwer, wieder auf die Beine zu kommen, auch beruflich. „In meiner Branche wurde ich offenbar für tot gehalten.“ Später seien ihm dann zwar wieder Rollen angeboten wurden, doch praktisch nur solche, in denen er Sterbende spielen sollte. „Die dachten wahrscheinlich, das kann der ja jetzt gut.“ Aber er konnte es nicht. Im Gegenteil, immer wenn eine Waffe auf ihn gerichtet wurde, kam das Erlebte hoch. Sah er wieder die Bilder. Bekam Panik. Aber auch körperliche Einschränkungen sind bis heute geblieben.

Er wollte andere Rollen spielen. Die Gewalt in den meisten Drehbüchern kam ihm sinnlos vor. Er machte solange Änderungsvorschläge, bis eines Tages keine Drehbücher mehr kamen. „Ich habe versucht, was zu verändern und mir die Schnauze verbrannt.“ Heute schaue er kaum noch Fernsehen. Die Gewalt mache ihn wütend.

Die Wut ist geblieben

Wütend war er nach dem Amoklauf auch auf die Polizei und die Eltern des Schützen. Beide hat er verklagt, bis zum Bundesverfassungsgericht. Die Eltern hätten ihre Aufsichtspflicht verletzt. Der Vater, Waffenwart in einem Schützenverein, hat dem Jungen das Schießen beigebracht. Stundenlang hätte Martin P. vor brutalen Computerspielen sitzen dürfen, sagt Lamprecht.

Der Polizei wirft er unterlassene Hilfeleistung vor. Statt ihm und seiner Lebensgefährtin zu helfen, hätten sie sich nicht getraut, ihre Deckung zu verlassen. Alle Klagen wurden abgewiesen. Aus Bad Reichenhall bekam er danach sogar Drohbriefe, weil er die Sache nicht ruhen lassen wollte.

Später versuchte er, mit einem Theaterstück ein Urteil für sich selbst herbeizuschreiben. „Ich wollte darin den Prozess darstellen, den ich nie hatte." Aber auch dieser Versuch scheiterte – wie schon die Filmidee – an der Lebendigkeit seiner Erinnerung.

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