Danilo Hartung wurde in eine Sekte geboren. Sein Vater war dort ein führender Mann. Er aber wollte raus und musste zweimal aussteigen, um frei zu sein.

„Ich wünschte mir zwar oft den Tod, aber hatte immer Angst vorm Sterben“, sagt Danilo Hartung. Er spricht über seine Jugend in der Sekte, aber auch über die Zeit nach dem Austritt. Manchmal muss man den gleichen Weg noch einmal gehen, um ans Ziel zu kommen. Danilo Hartung hat das getan. Er ist bei den Zeugen Jehovas ausgestiegen. Zweimal.

Danilo Hartung wohnt in einem schmucklosen Reihenhauses am Rande von Goslar. Im ersten Stock hat der 34-Jährige mit rötlicher Tonsur und passendem Bärtchen sein Schlaf- und Arbeitszimmer. Und seine Spruchsammlung. „Eins der wenigen Dinge, die ich mitgenommen habe“, sagt Hartung.

Bunt wie das Leben

Hartung sammelte Weisheiten verschiedener Religionen (Foto: Felix Maria Zwinzscher)

Eine radikale Glaubenswelt

Der Duden nennt zwei Definitionen des Begriffs Sekte. Einerseits handelt es sich um „eine kleinere Glaubensgemeinschaft, die sich von einer größeren abgespalten hat“. Andererseits kann der Begriff auch eine kleinere Gemeinschaft bezeichnen, „die in meist radikaler, einseitiger Weise bestimmte Ideologien vertritt“. Solche, die den „ethischen Grundrechten der Gesellschaft nicht entsprechen“.

Und obwohl die Zeugen Jehovas heutzutage eigentlich einen eher folkloristischen, sicherlich harmlosen Ruf genießen, trifft auch letzteres auf sie zu. Die Körperschaft des öffentlichen Rechts gilt gemeinhin als Truppe bibelfester Hausierer. Doch auch wenn ihre Repressalien nicht mit denen von Sekten wie Omu Shinrikyo, den Sarin-Terroristen der Tokioter U-Bahn, oder den Selbstmördern von Jonestown, den Peoples Temple, vergleichbar sind: harmlos sind sie nicht.

100 Jahre Endzeit

Mit 166.886 Zeugen Jehovas sind sie in Deutschland viel größer als Scientology oder die Zwölf Stämme. Sie haben so viele Mitglieder wie Leverkusen oder Potsdam Einwohner. Ihre Regeln sind streng. Nur wenige scheinen zu wissen, wie extrem die Glaubenswelt der Zeugen wirklich ist. Mit dem Glauben heutiger Katholiken oder Protestanten hat das theoretisch viel, praktisch aber sehr viel weniger zu tun. Die alttestamentarische Härte einer früheren Kirche hat in der Zeugengemeinschaft überlebt. Barbara Kohout, die für das Portal sektenausstieg.de arbeitet, nennt sie „ein totalitäres System“. Ihre Plattform wird von einem eingetragenen Verein Freiwilliger geführt. Viele von ihnen sind selber Sektenaussteiger.

Für Zeugen Jehovas ist klar, dass seit Oktober 1914 die Endzeit herrscht und Satan über die Erde. Das ist nicht im übertragenen Sinne zu verstehen. Sie glauben, dass der Teufel höchstpersönlich die politischen Systeme der Welt lenkt und ihr größter Feind die Vereinten Nationen seien. Nach ihren Berechnungen passen auch nur genau 144.000 Menschen ins Himmelreich. Das heißt, selbst für die knapp acht Millionen Zeugen weltweit läge damit die Wahrscheinlichkeit auf Erlösung bei unter zwei Prozent.

Dass die Zeugen Jehovas Blutspenden ablehnen, erscheint da nur noch als nebensächliche Andersartigkeit.

Märtyrer und Aussätzige

Die Geschichte von Danilo Hartungs Ausstieg beginnt nicht bei ihm selbst, sondern mit seinem Vater. Der trat um 1960 den Zeugen bei. Eine Freundin hatte ihn überzeugt. Seine Verlobte stellte er später vor die Wahl: Entweder wirst du auch Mitglied oder wir trennen uns. „Wenn mein Vater etwas entschieden hat, dann gibt es nichts, was ihn davon abbringt“, sagt Hartung. Der Vater blieb etwa in der DDR, und ging für seinen Glauben zweieinhalb Jahre ins Gefängnis.

Damals gab es sogar noch die Zeugen, die für ihren Glauben direkt aus den KZs der Nazis in die Gefängnisse der Stasi gewandert waren. Als Danilo 1980 zur Welt kam, lebten die Hartungs ihren Glauben schon über 20 Jahre im Untergrund. Sie durften sich nicht zu Riten treffen oder öffentlich missionieren. Mittlerweile war sein Vater „Ältester“ geworden und gehörte zu den geistlichen Führern der Zeugen in ihrer Stadt.

Bei vorgeschützten Wandertagen hielten die ostdeutschen Gemeinden Treffen ab. Mitgeschnittene Sitzungen aus dem Westen wurden auf geschmuggelten Kassetten gehört. „Meine Mutter hat heimlich den Wachtturm abgeschrieben und in Mini-Büchlein verteilt“, erinnert sich Hartung.

Damals gab es circa 17.000 Zeugen Jehovas in Ostdeutschland. Sie lebten ihren Glauben im Untergrund, aber man kannte sie. Und sie litten unter den Folgen, jeden Tag. Danilo selbst wurde bis zur neunten Klasse gemobbt. „Für Gott, dachte ich, ist das in Ordnung.“

Indianer des Teufels

Für Danilo war die Sekte alles: seine Familie, seine Freunde, seine Freizeit. Es durfte kein Leben außerhalb der Gemeinde geben. „Schlechte Gesellschaft verdirbt nützliche Gewohnheiten“, war ein Lieblingsspruch der Zeugen. Trotzdem kamen ihm mit 14 zum ersten Mal Zweifel. Im Fernsehen hatte er Kevin Costners „Der mit dem Wolf tanzt“ gesehen und, wichtiger noch, die begleitende Dokumentation „500 Nationen“ – eine Geschichte der nordamerikanischen Ureinwohner bis zur europäischen Besiedlung.

„Die Indianer fand ich toll. Wie sie Gott verehrten. Nicht in einem Königreichsaal, sondern in freier Natur“, sagt Hartung heute. „Ich konnte nicht verstehen, dass sie Diener des Teufels sein sollen.“ Jahrhunderte vor Entstehung der Zeugen und durch einen Ozean getrennt – „wie hätten da die Indianer einen hebräischen Gott anbeten sollen“, fragte er sich. Doch für die Zeugen blieben sie, wie alle Außenstehenden, heidnische Diener des Teufels.

Zur gleichen Zeit sollen Danilo und andere junge Zeugen auch mit dem unabhängigen „Predigen“ beginnen. Das heißt: Allein von Tür zu Tür ziehen und für die Sekte werben. Häufig werden sie dabei brutal verscheucht, Anwohner rufen die Polizei, greifen sie an. „Ich hatte riesige Angst. Für einen Jugendlichen wie mich, ohne viel Selbstbewusstsein, war das tödlich“, so Hartung. „Du hast nur Angst, weil du Gott nicht genug liebst“, war die Reaktion in der Sekte.

Private Psalmen

Hartung vor seinen 22 handgeschriebenen Spruch-Bänden (Foto: Felix Maria Zwinzscher)

Gefährliche Gemeinsamkeit

Mit 17 begann seine zweite Sinnkrise. Hartung fing an, heilige Schriften anderer Religionen zu lesen. „Wieso sollte Gott nur ein Volk erwählen und alle anderen im Dunkeln tappen lassen“, fragte er sich. Die vielen Gemeinsamkeiten mit Geboten anderer Glaubensrichtungen machten ihn stutzig. Dass Teufelsanbeter ähnliche Grundsätze wie die Zeugen selbst beherzigen würden, kam ihm komisch vor.

„Damals habe ich mir auch in meinen Tagträumen vorgestellt, wie es wäre, kein Zeuge Jehovas zu sein. Wie das mit dem Rauchen, Trinken und natürlich mit Mädels wäre.“ Gleichzeitig erlebte er immer häufiger Angstzustände. Panikattacken ließen ihn nicht mehr zur Schule gehen. Irgendwann saß er nur noch zuhause und nährte seine Zweifel am Glauben.

Das erste Ende

Mit 19 schließlich war er sich sicher: Er wollte austreten. Er fühlte sich stark genug. Eine neunwöchige Verhaltens-Therapie lag hinter ihm. Er schrieb seinem Vater, dem Ältesten, einen Brief. Er gab ihm den Brief und setzte sich neben ihn. „Du weißt, was das bedeutet“, sagte der Vater schließlich und seufzte.

Beide wussten es. Es war nicht nur das Schlimmste, was ein Zeuge Jehova tun kann – es war das Schlimmste, was Danilo seinem Vater antun konnte. Das Ende seiner Zeit als Zeuge, das Ende seiner Zeit als Hartung.

„Meine Mutter hat geweint und sie hat gefleht. Wenn deine Mutter dich anfleht, ist das sehr schwierig“, erinnert er sich. Am Ende zerriss Danilo den Brief.

Erst zwei Jahre später sollte ihm der Austritt gelingen. Es war im September 2001. Neun Wochen war Danilo Hartung in Therapie gewesen. Der erste längere Aufenthalt ohne Eltern. Dabei hatte er auch zum ersten Mal eine Frau kennengelernt. „Erst das Gefühl, ich könne auch eine neue Familie aufbauen, gab mir die Kraft, mich von meiner eigenen zu trennen.“ Diesmal blieb er nicht neben seinem Vater sitzen, als der den Brief las. Er war bei seiner Freundin. Verdacht auf „Hurerei“ nennen die Zeugen so etwas.

Die Beziehung zur Freundin hielt kaum einen Monat. Sie war zehn Jahre älter und hatte zwei Kinder. Aber Danilo Hartung hatte das alles nicht für sie, er hatte es nur mit ihr getan. Er wollte nicht zurück, er konnte nicht. Zuhause wurde er zwar geduldet, weil er keine andere Bleibe hatte und kein Geld, aber jeder in der Gemeinde schnitt ihn. Seine vier Brüder, all seine Freunde und Bekannten ignorierten ihn.

„Der soziale Tod ist der Ersatz der Steinigung“, erzählt Danilo Hartung. Und die Zeugen wetzen ihre Steine, indem sie jeden sozialen Kontakt außerhalb der Sekte missbilligen. Er konnte nicht bleiben. Müsse wohl einfach noch weiter weg, entschied Danilo Hartung. Mit 22 holte er einen Teil seiner Jugend nach und ging ins Ausland.

Der verlorene Sohn

Zwei Jahre später aber, er war gerade den Jakobsweg gelaufen, wollte er nur noch zurück in die kleine Stadt bei Quedlinburg, seine Heimat. Doch er sehnte sich nach einem Ort, den es nicht mehr gab. Nicht nur in sein Elternhaus und zu seinen Freunden wollte er. Er wollte zurück in die Gemeinschaft der Zeugen, zurück zu den Wachttürmen, in den Königreichssaal und aus dem Schatten der Ächtung. Er wollte zurück in eine Zeit, in der er sich zumindest aufgehoben gefühlt hatte.

Da wusste ich, es ist endgültig vorbei. Diese verdammten Heuchler!

Danilo Hartung

Erst ließen sie ihn ein bisschen leiden. „Ich musste wie ein Aussätziger hinten allein bei den Gottesdiensten sitzen und wurde weiterhin geschnitten“, beschreibt er die ersten Wochen nach der Rückkehr. Er fügte sich, bat schweigend um Aufnahme und ertrug die Demütigungen. Irgendwann war es soweit. Selbst vor der Versammlung, bei der seine Rehabilitation verkündet werden sollte, beäugten die meisten ihn noch misstrauisch, ignorierten ihn oder tuschelten hinter seinem Rücken.

Doch dann bestätigte der Älteste, mittlerweile nicht mehr sein Vater, Danilo Hartungs Rückkehr. Und plötzlich stürmten alle auf ihn zu, beglückwünschten ihn, umarmten ihn.

Glücklichere Tage

Hartung genießt die Freiheit (Foto: Felix Maria Zwinzscher)

Wenn er schon wieder drinsteckte, wollte er sich jedenfalls nicht länger verstellen. Danilo Hartung war verändert zurückgekommen, nicht, um sich wieder zurückzuverwandeln. Er begann Vorträge über seine religiöse Lektüre zu halten, zitierte Mohammed und Buddha. Sehr bald schon wurde ihm bedeutet, er sollte sich ruhig verhalten.

Hartung fing wieder an, den Königreichssaal zu meiden, das Hausieren zu lassen. Er ging seiner Arbeit nach. Irgendwann hatte er Buchhändler gelernt. Eigentlich war das zu anstrengend, Danilo Hartung hatte nur mit viel Mühe außerhalb der Sekte funktioniert. Immer wieder wurde er krank, brach in der kleinen Buchhandlung zusammen. Aber er wollte nicht aufgeben. Er war finanziell abhängig vom Job. Die Alternative waren nur die Zeugen.

Selbstironie

Hartung hat seinen Sinn für Humor zurück (Foto: Felix Maria Zwinzscher)

„Diesmal wirklich“

Zwei Jahre später war er wieder am Anfang. Zu dem Zeitpunkt verliebte er sich in eine Zeugen-Anwärterin. Prediger der Zeugen hatten sie in einem verletzlichen Moment erwischt. Sie kamen an ihre Tür, kurz nachdem sie ihren Lebensgefährten bei einem Autounfall verloren hatte – mit dessen Kind sie damals schwanger war. Für sie wollte Danilo Hartung dabeibleiben. Erst zwei Monate später merkte er, dass sie nur seinetwegen zu den Zeugen gekommen war – nicht aus Überzeugung.

Diesmal gab es keine Förmlichkeit mehr, keinen Brief. Er rief den Ältesten an, der akzeptierte nicht, was er hörte, und kam vorbei. Ob er wisse, was er tue. „Diesmal wirklich”, antwortete Danilo Hartung. Auf einer speckigen Quittung aus dem Mülleimer quittierte er den Austritt.

Willkommen bei Hartungs

Wo der Eingang auch ein Ausgang sein kann (Foto: Felix Maria Zwinzscher)

Heute sitzt Danilo Hartung während der Woche auch tagsüber in seinem Haus. Er lebt von Hartz-IV. Mit seiner Frau hat er noch eine eigene Tochter bekommen. Wöchentlich geht er zur Therapie nach Braunschweig. Er hat Schulden. Für einen Vergleich mit den Gläubigern sieht es schlecht aus, die Insolvenz steht bevor.

Die Zeugen Jehovas beziehen ihren Namen auf Jesaja Kapitel 48, Vers 10: „Ihr aber seid meine Zeugen, spricht der Herr, und mein Knecht, den ich erwählt habe.” Zeuge ist Danilo Hartung nicht mehr, Knecht noch immer.

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