Natalija Ribovic verstößt bewusst gegen den Mainstream. Konsequent stellt sie die Vision eines riesigen Hasen in den Mittelpunkt ihres Lebens und ihrer Arbeit – egal, welche Reaktionen sie damit auslöst.

Die Straßen sind grell, laut, undurchdringbar. Werbetafeln flackern. Flatscreens blinken. Natalija Ribovic steht mitten in Tokio. Die Schnelligkeit, der ständige Wandel: All das wirkt auf die jugoslawische Künstlerin, die aus Europa nach Japan gezogen ist, fremd. Beängstigend. Als eines Tages die Eindrücke besonders heftig sind, bleibt die damals 29-Jährige plötzlich stehen, sieht sich um und hat so etwas wie eine Vision: Über den Dächern sieht sie einen riesigen Hasen. Wie selbstverständlich erzählt die zierliche junge Frau von ihrer Grenzerfahrung. Dass sie damit viele befremdet, ist ihr egal. Ungerührt sagt sie: „Damals ist ein neuer Freund für uns alle angekommen.“

2005 hatte sie zunächst auf der japanischen Insel Kyushu ein Forschungsstipendium bekommen. Im dortigen Zentrum für zeitgenössische Kunst fand sie eine Aufgabe und eine neue Heimat. „Damals war ich oft in der Natur“, erzählt sie. Immer wieder betont sie die Schönheit der Natur, ihre Einzigartigkeit.

Eine neue Dimension

Acht Jahre später sitzt die Jugoslawin in einer Galerie im bayerischen Augsburg und erzählt davon. Ruhig, selbstsicher, gelassen. Gerührt wirkt Natalija Ribovic, wenn sie zurückdenkt. In der Ruhe, die sie damals abseits der Millionen-Stadt Kitakyushu gefunden hat, ist eine neue Weltanschauung für sie entstanden. Der Hase ist nur eine Art Medium für ihre Erkenntnis. Natur, Mensch und Technik sind die drei Komponenten, die unsere Welt ausmachen. Durch den ständigen Fortschritt tritt die Natur immer weiter in den Hintergrund. Dieser Graben zwischen 1000-jährigem Mammutbaum und iPhone 6 muss geschlossen werden. Alles muss in Zukunft nicht nur nebeneinander sondern miteinander existieren.

Der Hase hat mich verändert. Er hat neue Räume geöffnet. Ich höre zu, was er mir und anderen sagt.

Natalija Ribovic

Die Freiheit der Kunst: Natalija Ribovic überschreitet bewusst die Grenzen vermeintlicher Normalität, um neue Dimensionen zu schaffen. Ihre Erfahrungen auf der Insel in Japan legten den Grundstein für ihre Kunst. Doch erst durch ihren Umzug nach Tokio 2006 fügte sich alles zusammen. Als sie sich von der Technologie und der Schnelligkeit der Stadt überrannt fühlte, sei ihr klar geworden: „Die Menschen müssen langsamer, bewusster leben, müssen mehr miteinander reden.“ Sich auf etwas fokussieren, konzentrieren: In ihrem Fall wurde das der Hase.

Näher beschreiben kann die Frau mit dem offenen Blick ihre Vision nicht. Oder will es nicht. „Er war einfach da, um mich herum.“ Seitdem spielt die Interpretation, die Auseinandersetzung mit ihrer Vision, der bewusste Bruch mit „Normalität“ eine Hauptrolle in ihrer Kunst. Modern, poppig, zeitgemäß präsentiert sie seitdem den Hasen, der sie verändert hat und der – wenn es nach ihr geht – die Welt weiter verändern soll.

Um den Hasen tanzen

In der Natur präsentiert Natalija Ribovic ihre Performance

„Der Hase hat Natalijas Horizont erweitert und ihre Kunst eindrucksvoller gemacht“, erklärt ihre Schwester. Tanja Ribovic – mit wilden dunklen Haaren und einem herzlichen Lachen – begleitet Natalija bei deren Aufführungen und Ausstellungen. Sie war eine der ersten, die von der ungewöhnlichen Hasen-Vision erfahren hat.

Die Stärke der Vision

Tanja Ribovic unterstützt ihre Schwester bei ihren Kunstprojekten

Rebellin mit Sendungsbewusstsein

Die „Botschaft des Hasen“ verpackt Natalija Ribovic in naiver Malerei, ungewöhnlichen Skulpturen, unkontrolliert wirkenden Performances und trägt sie zusammen mit bunten Gummi-Hasen um die Welt. In Island, Indien, Japan, Deutschland und vielen anderen Staaten hat sie ihre Arbeit inzwischen präsentiert – und meist dazu getanzt. Bewusst provoziert sie dabei mit gelben, roten und grünen Hasen.

Die Geschichte dazu erzählt sie wie ein Märchen, doch gleichzeitig ist es Ausdruck einer Rebellion. Immer wieder bezieht sich die 38-Jährige auf den Künstler Joseph Beuys, der unter anderem durch seine unkonventionellen, für viele verstörenden Installationen aus Fett und Filz berühmt wurde. Die Wahl der Materialien war seine Variante, sich gegen die Normen der Gesellschaft aufzulehnen. Auch Natalija Ribovic will die Schwellen der gesellschaftlichen Akzeptanz übertreten. Sie tanzt in einem Kleid aus Rettungsdecken entrückt um ihre Hasen. Wenn man sie um eine Erklärung bittet, bekommt man keine richtige Antwort. Aber was ist in der Kunst schon richtig oder falsch?

Vom anderen Stern

So hat Eva Wiest von der Galerie Noah in Augsburg die Künstlerin kennen gelernt

Kunst, Kommerz, Kalkül?

Doch Kunst um der Kunst willen reicht Natalija Ribovic nicht. Zwar wirkt sie manchmal unbeholfen, fast kindlich, trotzdem plant sie ehrgeizig und akkurat, wie sie ihre Vision verbreiten kann. In Japan entwirft sie Kinderkleidung für die Firma North Face und setzt sich in Workshops für eine neue „Dreifaltigkeit Natur, Geist und Technik“ ein. Auch die Workshops entstehen in Zusammenarbeit mit North Face. Das Konzept dahinter erklärt das Unternehmen in einer Pressemitteilung so: „Um auf der Erde weiter gedeihen zu können, müssen wir lernen, im Einklang mit der Natur zu leben und künftige Generationen zu einem bewussteren Lebensstil zu führen.“ Und so tanzt und hüpft Natalija Ribovic weiter um ihren Hasen.

Natalijas Wellentheorie

So verbreitet sich die Botschaft vom Hasen

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