Als US-Soldat wurde Frank Schwartz drei Mal verletzt. Eine unsichtbare Wunde blieb auch nach seinem Ausscheiden aus der Armee: ein Trauma.

Frank Schwartz steht mit einem Bein auf einer Schützenmine, als die Schüsse des feindlichen Scharfschützen immer näher einschlagen. In der Ausbildung bei den Streitkräften der US-amerikanischen Marines hatte er auch solche Situationen trainiert. Der Deutschamerikaner hatte gelernt, auf der Mine stehen zu bleiben, wenn er auf eine der zigarettenschachtelgroßen Fallen getreten ist. Mit dem Bajonett solle er die Mine ausgraben und mit einem Kabelbinder so befestigen, dass sie nicht mehr losgehen kann.

Doch als der vierte Schuss des feindlichen irakischen Scharfschützen gefährlich nahe einschlägt, muss sich Schwartz entscheiden: Wartet er, bis der Scharfschütze ihn trifft - oder nimmt er die Explosion der Mine in Kauf? Einer wird ihn erwischen, das weiß Schwartz in diesem Moment. Der US-Marine versucht, mit seinem Marschgepäck die Kraft der Explosion etwas abzufangen und geht von der Mine herunter. Sie explodiert.

Die Ärzte wollten beide Beine amputieren

Stunden später, erinnert sich Schwartz, ziehen ihn Hände in einen Black-Hawk-Transporthubschrauber. Im Lazarett wollen die Ärzte ihm beide Beine amputieren; er kann sie mit Mühe dazu überreden, ihm seine völlig zersplitterten Beine zu lassen. Er sitzt zeitweise im Rollstuhl, lernt aber wieder, zu gehen. Wenn das Wetter umschlägt, schmerzen ihn heute noch seine Verletzungen. Doch als Soldat für Spezialeinsätze erlitt Schwartz auch Wunden, die niemand äußerlich sehen konnte und die er selbst jahrzehntelang nicht sehen wollte: Er wurde traumatisiert.

Letzte Erinnerungen an das Soldatenleben

Nachdem Schwartz die Armee verließ, verbrannte er seine Uniform und schmiss seine US-Orden weg.

Frank Schwartz hat inzwischen in Berlin ein Unternehmen gegründet, das einen hohen Umsatz macht. In Wirklichkeit trägt er einen anderen Namen, möchte aber wegen seiner Kinder, die noch die Schule besuchen, nicht erkannt werden. In seiner Zeit als Soldat von 1983 bis 1992 hat er 16 Orden erhalten, drei davon für Verwundungen. Am Ende seiner Laufbahn in einer Fernspäh-Abteilung hatte er das Kommando über 28 Mann. Doch als die Regierung im Jahr 1992 die Militärausgaben senkt, wird Schwartz' Einheit bei den US-Marines aufgelöst. Es sind sieben Monate, die ihm fehlen. Sieben Monate, die ihm fehlen, um nach zehn Jahren Dienst als Marine einen Job als Regierungsbeamter angeboten zu bekommen. Das ist für Schwartz ein Schicksalsschlag.

Die Folgen seiner Kriegserlebnisse schleppt Schwartz jedoch jahrzehntelang mit sich herum. Er leidet an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Doch er macht nicht nur den Krieg dafür verantwortlich. Die eigentliche Ursache, sagt Schwartz, sei die gestohlene Kindheit ohne Liebe der Eltern.

Immer ein anderer Alptraum

Frank Schwartz verließ die Streitkräfte der US-Marines als traumatisierter Mensch

Schwartz stammt aus einer Soldatenfamilie. Sein Großvater war in der Reichswehr, wanderte aber schon 1934 in die USA aus. Sein Vater war US-Soldat. Schwartz verliert ihn im Alter von sechs Jahren – zuerst wird der Vater vermisst, dann für tot erklärt, ohne Grab. „Eigentlich wollte ich bei der Armee die Spuren meines Vaters suchen“, erklärt Schwartz seinen eigenen Eintritt bei den Marines im Jahr 1983.

Schwartz wird nach dem Tod seines Vaters zu seiner Mutter nach Deutschland gebracht. Doch die schiebt ihn ins Internat ab, schenkt ihm wenig Liebe. Das Verhältnis zu ihr bleibt immer kühl. Es ist die zweite große Enttäuschung in seinem Leben. „Dieses Messer im Rücken, dieses Im-Stich-gelassen-werden zieht sich wie ein roter Faden durchs ganze Leben“, sagt Schwartz.

Nach seiner Entlassung bei der Armee verbrennt Schwartz seine Uniform, schmeißt alle Fotos von sich in Uniform weg und versenkt seine US-Orden im Wasser.

Wenn Frank Schwartz heute von seinen Kriegserlebnissen spricht, ist er ruhig, nüchtern und will keine großen Kriegsgeschichten erzählen. Doch als es um seine Therapie geht, wird er euphorisch und gestikuliert viel. Nachdem seine älteste Tochter ihm im Jahr 2011 gedroht hatte, auszuziehen, wenn er sich nicht endlich behandeln lasse, ging er zunächst zu einem zivilen Psychotherapeuten. Er ließ sich ein Jahr lang behandeln, doch ohne Erfolg. Dann versuchte es Schwartz in der Praxis von Dr. Norbert Kröger, dem früheren leitenden Psychologen am Bundeswehrkrankenhaus Berlin. Kröger erreichte in acht Stunden das, was der zivile Therapeut mit einer Verhaltenstherapie in einem Jahr nicht geschafft hatte: Schwartz hakte seine Erlebnisse ab, konnte wieder Freude empfinden. Der Vorteil der angewendeten Intensiven Psychodynamischen Kurzzeittherapie nach Davanloo sei, so Schwartz, dass man nicht in das traumatisierende Ereignis - etwa eine Explosion oder Verletzung - zurückgeführt werde und sich nicht in die Gefahr begebe, retraumatisiert zu werden. Stattdessen werde man an seinen Emotionen gepackt und der Therapeut zeige, wie wütend der Patient ist. Schwartz war sehr wütend: weil sein Vater früh gestorben war, seine Mutter ihn ins Internat abgeschoben und seine erste Freundin ihn betrogen hatte.

In acht Stunden wurde der Soldat geheilt

„Die Gewalterfahrung und die permanente Angst um das eigene Leben haben natürlich das Ganze verstärkt, aber das sind nur Nebenkriegsschauplätze“, sagt Schwartz. „Der eigentliche Kriegsschauplatz ist wirklich die eigene Vergangenheit.“

25 Therapiestunden wurden dem Ex-Marine von der Krankenkasse bewilligt, acht hatte er gebraucht. „Nach der Therapie habe ich die Mondscheibe gesehen und zum ersten Mal nach 30 Jahren Freude empfunden, wie schön dieser Mond ist. Nach 30 Jahren. Nach 30 Jahren habe ich die Liebe meiner Kinder gemerkt.“ Schwartz freut sich, dass seine drei Töchter nicht zur Armee wollen. „Ich bin froh, dass die Tradition der Soldatenfamilie nun endet“, sagt der Familienvater.

Vom Sanitäter zum Trauma-Patienten

Anders als Frank Schwartz hatte Peter D. noch nicht das Glück, von seiner Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) geheilt zu werden. Peter D. ging als Gebirgsjäger und Sanitäter zur Bundeswehr, um anderen zu helfen – nun braucht er selbst Hilfe. Nachts wacht er schweißgebadet auf, hat Herzrasen. Alpträume quälen ihn mit Bildern, die er einfach nicht aus dem Kopf bekommt. Peter D. war als Sanitäter drei Mal in Afghanistan, zuletzt von März 2013 bis Mitte Mai 2013. Sogenannte „Ersthelfer Bravo“ wie er versorgen Verwundete auch mitten in einem Gefecht mit lebensrettenden Maßnahmen.

Sicher hat Peter D. nicht erwartet, welche seelischen Probleme ihm der Job bereiten würde. Bei seinen Einsätzen erlebte er einen Anschlag und verlor außerdem bei einem Unfall einen Kameraden. Seit Mai 2013 ist er deshalb im Bundeswehrkrankenhaus Berlin in Behandlung. Der 28-jährige aus Zwickau ist einer von bundesweit rund 1500 Soldaten und Sanitätern, die wegen einer PTBS behandelt werden. Stationäre Phasen an der Klinik, die je sechs bis acht Wochen dauern, wechseln sich mit ambulanten Phasen in Zwickau ab.

Wie Frank Schwartz will Peter D. anderen Soldaten Mut machen. Mut, über ihre traumatisierenden Erlebnisse zu sprechen, ihr Trauma nicht zu verdrängen, sondern behandeln zu lassen. Allerdings braucht die Therapie Zeit. Auch Peter D. fällt es noch immer schwer, über seine Erfahrungen zu berichten.

Früher Helfer, heute Patient

Der traumatisierte Sanitäter Peter D. erzählt von seinem Trauma und seiner Therapie

Manche Erlebnisse können in drei bis vier Wochen behandelt werden. Soldaten mit besonders schwierigen Erfahrungen brauchen hingegen teilweise Jahre, um wieder gesund zu werden. Um Peter D. von seinem Trauma zu heilen, wendet Bundeswehr-Oberstarzt Dr. Peter Zimmermann die Therapie „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“ (EMDR) an. Auf Deutsch heißt die Behandlung „Augenbewegungs-Desensibilisierung und Wiederaufarbeitung“. Während traumähnlicher Phasen des Patienten kann das Gehirn die traumatisierenden Erinnerungen neu bewerten.

Peter Zimmermann erklärt im Video, wie die EMDR-Therapie abläuft:

Trauma-Therapie

Oberstarzt Peter Zimmermann erklärt eine verbreitete Behandlungsmethode

PTBS ist immer noch ein Tabu-Thema

Trotz der Therapieangebote haben viele Betroffene immer noch Angst, zum Arzt zu gehen, oder fürchten negative Folgen für die Karriere. Für sie sind Traumata immer noch ein Tabu-Thema. Das zeigt eine Studie im Auftrag des Bundestags aus dem vergangenen Jahr. Die Dunkelziffer bei PTBS-Erkrankten ist groß: Jeder zweite Betroffene, so die Studie, werde überhaupt nicht behandelt.

Doch es gibt auch positive Signale. „Die Offenheit von Betroffenen und Vorgesetzten gegenüber Behandlungen wächst langsam“, sagt Peter Zimmermann. Die Bundeswehr-Ärzte hätten in den vergangenen Jahren viel Aufklärungsarbeit geleistet, die sich erst allmählich auszahle.

Die Therapie von Peter D. geht weiter – und mit ihr auch die Enttabuisierung der Traumata.

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