Grenzerfahrungen tragen oft die Sehnsucht nach der Gegenwart in sich. Eine Betrachtung.

Die argentinische Schriftstellerin und Journalistin Flavia Company beschreibt in ihrem Buch „Die Insel der letzten Wahrheit“ die vermeintlich letzten Minuten eines Schiffbrüchigen, der auf offener See treibt, mit folgenden Worten:

„Obwohl er weiß, dass dies so ziemlich das letzte ist, was er vor seinem Tod sehen wird, ist er berührt von so viel Schönheit. Wie gern würde er jemandem von dem Gefühl der Vollkommenheit berichten, das ihn plötzlich erfüllt. Mit einem Mal versteht er das Hier und Jetzt.“

Die Gegenwart als Essenz einer Grenzerfahrung.

Überschreitet man die Schwelle des Erträglichen, des Machbaren, verpuffen plötzlich alle Gedanken an die Vergangenheit - die potentielle Weite der Zukunft schrumpft auf Sekundenbruchteile, der Gedankenstrom unterbricht. An seine Stelle tritt die Gegenwart. Der Grenzgänger erlebt das Hier und Jetzt in nie gekannter Intensität und begreift intuitiv, dass es diesen Moment nur einmal geben kann. Und dass er in dieser Form nie wiederkehren wird.

Weil viele Menschen die Gegenwart offenbar nur noch in Momenten großer Extreme wahrnehmen können, versuchen sie sich durch freiwillige Grenzüberschreitungen dem Augenblick hinzugeben. Sie springen aus Flugzeugen, tauchen in Höhlen oder suchen den Rausch der Geschwindigkeit. Ihre Grenzerfahrungen ähneln einer Droge, die die Bewusstseinsveränderung schnell und unter Adrenalinexplosionen herbeiführt - und deren Wirkung oft ebenso schnell wieder verfliegt.

Bei einer unfreiwilligen Grenzerfahrung, zum Beispiel einem Unfall, einem Verlust, wird der Mensch über eine Grenze gerissen und steht dem Einbruch der Gegenwart ohnmächtig gegenüber. Er fragt sich, wie er diesen Moment überstehen soll. Oft kommt es dabei zu einer Art Entkoppelung: Mit einem Mal steht man neben sich und beobachtet scheinbar unbeteiligt, was mit einem geschieht. Als sähe man durch ein Kameraobjektiv jenen Film, der einmal vor dem inneren Auge ablaufen wird, wenn man stirbt. Nichtsdestotrotz sagen viele Menschen später, dass sie gerade diese schwer zu ertragenden Grenzerfahrungen nicht missen möchten. Erst durch sie hätten sie gespürt, was es heißt, am Leben zu sein.

Grenzerfahrungen sind Schlaganfälle im Zeitgefüge

Wir alle wollen das wahre Leben spüren – und tun es so selten. Vermutlich auch, weil wir nicht an jene letzte Grenzerfahrung erinnert werden wollen, die uns allen vorherbestimmt ist. Die meisten von uns blenden den Tod aus und sind überfordert, wenn wir mit dieser endgültigsten aller Veränderungen konfrontiert werden.

Dabei gehört die ständige Veränderung zu unserem Leben. Unser Alltag lässt uns oft glauben, die Dinge seien statisch - in Wahrheit befindet sich alles im Wandel; wie bei einem Baum der nicht aufhört zu wachsen, dessen Wachstum man aber nur schwer beobachten kann.

Grenzerfahrungen sind nichts anderes als verdichtete Veränderungen. Schlaganfälle im Zeitgefüge, die mit Wucht in unsere Routine brechen und imstande sind, von einem Moment auf den anderen alles umzuwälzen.

Wenn wir nur begreifen würden, dass jeder Moment neu und einzigartig ist, könnten wir auch ohne Extremsituationen das wirkliche Leben spüren. Der gedankliche Ballast aus Vergangenheit und Zukunft würde auch ohne den Schock einer Grenzerfahrung von uns abfallen und den Blick freimachen auf das Hier und Jetzt. Dann stünden uns alle Wege offen, und alle Grenzen wären fließend.

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