Ob im Krankenhaus, im Kloster oder in der Redaktion: Momente, die das Leben verändern, erlebt fast jeder Mensch. Für 1weiter.net sprechen nach Teil 1 zu Politikern und Journalisten sowie zu Prominenten jetzt weitere bekannte Persönlichkeiten über große und kleine Wendepunkte in ihrem Leben.

Selbstfindungstrip im Kloster

Vielleicht wäre Daniel Steil nicht Chefredakteur von Focus Online geworden, wenn der Gestank von Fisch ihn ins Grübeln gebracht hätte. Steil erzählt:

„Beim Postamt in Trier lief der Weihnachtsverkehr auf Hochtouren und mitten in diesem Trubel kam die Deutsche Bank auf die Idee, an gute Kunden gefrorenen Lachs in besonderen Verpackungen zu verschicken. Ich bin Angler, mag Fische, doch nach dem Stempeln von mehreren Paletten hatte ich den Fischgeruch satt. Ich war 22 und arbeitete seit 4 Jahren bei der Post. Zu Hause schaute ich mir abends im Beamtenbesoldungsgesetz meine Aufstiegsmöglichkeiten an - bescheiden im mittleren Dienst. Ich sah mich schon mit 60 Jahren als Beamter in Trier - nein, das wollte ich nicht. Ich machte mir eine Liste mit 10 Punkten, die ich verändern wollte. Sagte Freunden, ich würde in Urlaub fahren und bin ins Kloster Himmerod in der Eifel. Keine Ablenkung, Gespräche mit den Brüdern, wenn ich es wollte, ansonsten Ruhe. Ich musste Entscheidungen treffen. Eine Woche wollte ich bleiben, es wurden 10 Tage. Danach bin ich raus, habe meinen Job gekündigt und Abitur nachgemacht, den Ehrgeiz entdeckt, Jura studiert - statt nur abzuhängen. Ich habe mich von einigen Freunden getrennt, meine echten Freunde besser gepflegt und den Blick auf das Leben verändert. Denn Veränderung bereichert und macht neugierig, bis heute.“

Riskanter Jobwechsel

Daniel Steil gab nicht auf, riskierte etwas und stieg auf. Auch Roland Berger wäre ohne Unternehmergeist nicht Chef einer weltbekannten Unternehmens- und Strategieberatung geworden, wie er ausführlich berichtet:

„Den letzten Ausschlag dafür, mich 1967 als Berater selbstständig zu machen, gab die Frage eines früheren Studienkollegen. Bei einem Treffen in München fragte er mich, ob ich zwei Tage die Woche für die Werbeagentur seines Vaters arbeiten wolle, gegen Honorar und Übernahme meiner Fixkosten. Schnell war mir klar: Dieses Angebot ermöglichte es mir, bei überschaubarem Risiko meine eigene Unternehmensberatung zu gründen und weitere Klienten zu beraten. Das war mein Traum. Meine Stelle bei einer Mailänder Strategieberatung aufzugeben und mich in einer in Deutschland weithin unbekannten Branche selbstständig zu machen, war zwar riskant, doch dies war der entscheidende Wendepunkt in meinem beruflichen Leben.

Angst trieb Roland Berger an

Meine stete Angst, für nur drei Monate Aufträge, aber für neun Monate Kosten vor mir zu haben, trieb mich dazu mehr Aufträge zu akquirieren, als ich mit dem jeweiligen Team bewältigen konnte. So wuchsen ständig Team und Unternehmen.

Durch mehrere Zufälle kam ich überhaupt erst zum Beruf des Strategieberaters. So musste ich im letzten Semester meines Studiums ein Referat über die Auslagerung betrieblicher Aufgaben an Dritte halten. Dadurch erfuhr ich erstmals vom Berufsbild des Beraters. Und nur dadurch, dass ich erfolgreich eine Wäscherei gegründet hatte und Italienisch spreche, konnte mir eine Kundin meiner Wäscherei raten, mich bei der Mailänder Unternehmensberatung Pietro Gennaro Associati zu bewerben, bei der ihr Sohn tätig war. Dort machte ich Karriere, bis mir mein Studienfreund 1967 das Angebot zur Selbstständigkeit unterbreitete.“

Dem Krebs seine böse Macht nehmen

Eine Krankheit hat Bodo Ramelows Sicht auf das Leben geprägt. Der Fraktionsvorsitzende der Linken in Thüringen, der vielleicht bald zum ersten Ministerpräsident seiner Partei gewählt wird, sagt:

„Grenzerfahrung ausgelöst hat für mich das Thema Krebs. Es begleitet mich und meine Familie sehr nahe. Ich habe mich auf den Krebs als menschliche Herausforderung eingelassen. Meine Mutter habe ich bis in den Tod begleitet, meinen besten Freund ins Hospiz gebracht und blieb bei ihm bis zur letzten Sekunde seines viel zu jungen Lebens. Seitdem weiß ich, wie wichtig es ist, seelisch und psychologisch dem Krebs seine böse Macht zu nehmen, auch wenn wir ihn medizinisch immer noch nicht besiegen können. Die Hand des Menschen zu halten und einfach mal lächeln, das ist am wichtigsten.

Ein einschneidender, ein traumatischer Tag war der 26. April 2002, das Schulmassaker am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. Es hat mich in die grausame Realität eines noch nie dagewesenen Amoklaufs geschleudert. Eine furchtbare Bluttat, die auch Menschen betraf, die ich kannte, ein Tag, der sich mir tief ins Gedächtnis und die Seele eingegraben hat.“

Meinungsfreiheit als Botschaft

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, orientiert sich bei seinem Handeln an seinen eigenen Erfahrungen als Redakteur:

„1983 bot ich als freier Musikkritiker der Frankfurter Allgemeinen einen Artikel über den Reggae-Sänger Peter Tosh an. Der Text war nur mäßig gelungen und kritisierte die Entscheidung der Stadt München, den Auftritt von Peter Tosh zu verbieten – der in seinen Songs den Konsum von Drogen verherrlichte. Der diensthabende Redakteur bat mich, diese Sätze herauszustreichen, weil sie die Leser der FAZ irritieren könnten. Man könne das Auftrittsverbot doch gut nachvollziehen. Ich sagte: Nein. Der Artikel erschien, ungekürzt. Die Episode wirkt wie eine Petitesse. Für mich war der kleine Sieg Ausdruck von Freiheit.

Zweieinhalb Jahrzehnte nach diesem Schlüsselerlebnis – ich war inzwischen Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG – beschwerte sich bei mir ein Leser über einen Leitartikel in der Welt. Zu Recht, wie ich fand. Ich antwortete: „Sie sprechen mir mit Ihrer Kritik aus dem Herzen. Aber glücklicherweise schreiben in diesem Hause nicht immer alle, was ich für richtig halte.“ Das große Konzept der Freiheit lebt von kleinen Widersprüchen.“

Obdachlos auf Zeit

Judith Rakers, Moderatorin: „Eine Grenzerfahrung für mich war die Nacht als Obdachlose auf Hamburgs Straßen, als ich für meine Reportage im vergangenen Jahr den Selbstversuch wagte. Die Kälte unter der Brücke – es herrschten Minusgrade – war gar nicht das Schlimmste. Die Lautstärke der vorbeifahrenden Autos und S-Bahnen und das Bettenlager, in dem man mit Ratten rechnen musste, auch nicht. Betroffen gemacht hat mich vielmehr die Reaktion der Passanten: Beleidigungen, Autofahrer, die nur deshalb hupten, um unseren Schlaf zu stören und der Rat der Obdachlosen Ricky, meinen Schlafsack nicht komplett zu schließen, damit ich schnell genug rauskomme, 'wenn ihn jemand anzündet'. Wer denn hier die Schlafsäcke anzünde, wollte ich daraufhin überrascht wissen, und Ricky sagte: 'Leute, die hier vorbeikommen. Die hassen uns, weil wir für die Assis sind!' – Denn das ist die wirkliche Gefahr, der Obdachlose ausgesetzt sind: Gewalt – in einer absolut schutzlosen Umgebung. Für mich eine Grenzerfahrung, für Obdachlose bittere Realität.“

Fahrstuhl-Phobie

Moderatorin Angela Finger-Erben musste nach einem Kindheitserlebnis Jahre Treppen steigen: „Unsere Eltern haben die Treppen genommen, aber meine Schwester und ich wollten mit vier Jahren ganz erwachsen sein. Und deshalb sind wir alleine gefahren. Obwohl wir unterm Strich vielleicht nur 20 Minuten feststeckten, fühlte sich das an wie acht Stunden. Nie wieder – habe ich danach gedacht. Das steckte lange in mir und wenn ich heute in den Fahrstuhl steige, und irgendwas funktioniert da nicht, dann gehe ich echt an meine Grenzen. Ich würde ausflippen.“

Eine entscheidende Reise

Béla Réthy, Sportjournalist: „Als ich im Alter von nicht einmal elf Jahren von Brasilien aus, wo ich mit meinen Eltern lebte, alleine auf ein Internat nach Bayern kam, war das ein Wendepunkt in meinem Leben. Wenn man ursprünglich damit gerechnet hat, seine Zukunft in Südamerika zu verbringen, so war dieser Umzug der Startschuss für meine spätere TV-Karriere. In Brasilien hätte ich vermutlich einen anderen Weg eingeschlagen. So kam es aber, dass ich eine völlig neue Sprache lernen musste. Bis zum Alter von zwölf oder 13 Jahren war ich der deutschen Sprache nicht mächtig. Dass ich nun seit mehr als 30Jahren mein Geld mit eben jener Sprache verdiene, ist, glaube ich, schon etwas Besonderes.“

Der Aufstieg in einen anderen Zustand des Seins

Friedrich Liechtenstein, Künstler: „Grenzerfahrungen gab es viele. Die körperlichste Grenzerfahrung gab es für mich in Hohnstein in der sächsischen Schweiz nach einem Puppenspielwochenende auf der Burg Hohnstein. Das war in den 90ern, es gab viel zu tun. Danach sah ich Schwarz-Weiß-Bilder, wenn ich die Lider schloss. Flüge über unbekannte Städte. Momentaufnahmen von unbekannten Situationen und ein Schwarz-Weiß-Porträt von mir schoben sich immer wieder in mein Gesichtsfeld, wenn die Augen zu waren. Ich konnte nicht schlafen. Ich ging in den Wald, um dort zu sterben. Ich hatte ein Stechen in der Brust und über meinem Sonnengeflecht wuchs ein Überbein. Die Panik war weg, als mir eine Frau erklärte, dies sei eine sehr begehrenswerte Erfahrung, eine Initiation. Danach ging es mir besser. Seitdem lebe ich damit, also mit den Bildern und dem Überbein. Die emotionalste Grenzerfahrung war ein Liebeskummer, bei dem ich 20 Kilo verlor und viele Songs schrieb. Das ist elf Jahre her, aber noch heute stecke ich in diesem Desaster. Schlimm.“

Eine weitere Grenzerfahrung schilderte mit seiner persönlichen Chronik vom 11. September auch Jochen Wegner, Chefredakteur von Zeit Online.

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