Auf Visionssuche mit Schamanen, drei Tage ohne Nahrung in der Wildnis. Ein Selbstversuch, der in einer Schwitzhütte mit fluchenden, nackten Menschen endet.

Zum ersten Mal in meinem Leben sitze ich zwei echten Schamanen gegenüber. Sie erzählen mir von einem Spanier, der nach seiner viertägigen Visionssuche nicht zurückgekehrt war. Erst als sie trommelnd den Wald durchkämmten, fanden sie den Mann im Dickicht. Er hatte sich aus Ästen ein Nest gebaut, in dem er vor sich hin kauerte, den Körper von oben bis unten mit mystischen Symbolen bemalt. Er schien sich ganz und gar seinen Visionen hingegeben zu haben.

Die Visionssuche (oder „Vision Quest“) ist eine inszenierte Grenzerfahrung. Inspiriert von den Initiationsriten archaischer Kulturen begeben sich Menschen in die Wildnis, um dort für mehrere Tage zu fasten und zu meditieren. Im besten Fall soll sich dabei die Erkenntnis einstellen, selbst Teil einer unvergänglichen, kosmischen Natur zu sein. Pragmatischere Teilnehmer wollen auf Visionssuche vor allem wichtige Lebensfragen klären, weswegen sie das Ritual am Übergang eines bestimmten Lebensabschnitts antreten, wie zum Beispiel vor einer Heirat, einem Berufswechsel oder nach dem Verlust eines geliebten Menschen.

Auch ich will mich auf Visionssuche begeben. Ein Gewitter muss draußen spannender sein als ein guter Film, denke ich. Die Einsamkeit müsste den Kopf leeren und ihn öffnen für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens. Nichts soll mich dort draußen ablenken, keine Bücher, kein Handy. Nur eine kleine Plastikplane wird mich vor Regen und Sonne schützen. Knapp drei Tage werde ich keine Nahrung zu mir nehmen, lediglich Wasser trinken. Begleitet wird meine Suche von der „Wanderschamanin“ Rumi und ihrem Partner Bernd. Sie werden mir helfen, die Botschaften der Natur richtig zu deuten. Denn die ersehnte Vision offenbart sich meist plötzlich und unerwartet in der näheren Umgebung. Ein Tier, ein Blatt, eine Luftveränderung – alles kann die Erleuchtung bringen.

Tag 1: Ankommen in der Wildnis

Rumis Figur erinnert an die Venus von Willendorf; sie sieht mich durch braune Locken geheimnisvoll an, wenn sie redet, berlinert sie. Bernd spricht Schwäbisch; er trägt die Haare lang, sein Körper ist sehnig und wettergegerbt. Die beiden Mittvierziger haben sich vor Jahren bei einer Visionssuche kennengelernt und anschließend in einer schamanischen Zeremonie geheiratet. Früher hat Bernd als LKW-Fahrer gearbeitet, wie Rumi ist er aber seit einigen Jahren als moderner Schamane tätig, um die Menschen an die verborgenen Kräfte von Mutter Erde zu erinnern. Außer den beiden selbsternannten Naturheilern und mir wird noch eine weitere Teilnehmerin in die Wildnis ziehen. Ihr Name ist Maria, ihr Alter ist schwer zu schätzen. Es ist ihre zweite Visionssuche. Bei ihrer Ankunft zieht sie einen Rollkoffer hinter sich über den Feldweg. Darin Kleidung für jede Wetterlage und ein geräumiges Zelt. Ich belächle sie innerlich. Zelten ist zwar erlaubt, der Erfahrung aber doch sicher abträglich.

Bereits zu allen Zeiten sind Menschen ohne Schutz und Nahrung in die Wildnis gegangen und verändert zurückgekehrt, sagen die Anbieter von Visionssuchen. Im Internet findet man All-Inclusive-Angebote für Selbstfindungstrips in die Berge oder Steppe. Neben den indianischen Wurzeln verweisen viele Webseiten auf Buddha, der unterm Bodhi-Baum der Erleuchtung entgegen meditierte, oder auf Jesus, der hungernd in der Wüste dem Teufel widerstand.

Nach einem Vorgespräch machen wir uns auf den Weg in den Wald, der etwa fünf Kilometer vom Berliner Vorort Bernau entfernt liegt. Unsere erste Aufgabe ist, einen Platz zu finden, der „zu uns spricht“, unsere „Seele zum Klingen bringt“. Die anderen drei werden erstaunlich schnell fündig, lassen sich an lichten Stellen im Nadelgehölz nieder, jeweils ungefähr 300 Meter auseinander. Schamane Bernd hat eine Trommel mitgebracht, die er in der Nacht schlagen möchte. Da ich vor allem wegen der Stille gekommen bin, suche ich mir einen Platz weit abseits von den anderen.

Platzsuche

Die Schamanin überbringt mir eine Botschaft

Im Laufe des Nachmittags ziehe ich noch zweimal um. Irgendwann gebe ich auf und setze mich ins Dickicht, auf die lockere, nach Pilzen duftende Erde. Hinter mir ragt dichter Wald auf, ich spanne meine Plane über ein paar in die Luft ragende Stöcke. Dann setze ich mich endlich hin und meditiere. Lausche dem Wind, den Vögeln, dem Rauschen der Blätter. Atme tief und gleichmäßig im Versuch, mich selbst als Teil der Natur zu begreifen. Ein gelber Vollmond schiebt sich langsam zwischen den Wolken hindurch, die Dämmerung kommt und mit ihr die Mücken, die mein fragiles Gleichgewicht schlagartig durcheinander bringen. Ich schlüpfe in meinen Schlafsack und besprühe mich mit Mückenspray. Trotzdem werden es immer mehr und ich kann mich auf nichts anderes mehr konzentrieren als auf das Surren dieser Stacheldrohnen, die wie kolibrigroße Zahnarztbohrer in meinen Kopf einzudringen versuchen.

Erst als die Nacht so richtig kalt wird, lassen die Attacken langsam nach. Bis oben vermummt liege ich steif im Schlafsack, klamm und schwer haftet er an meinen Beinen. Ich verstehe nicht mehr recht, was mich geritten hat, hier rauszukommen. Immer wieder falle ich in Sekundenschlaf mit intensiven Träumen. Und da die Traumbilder sich ruckartig einstellen, weiß ich manchmal nicht genau, ob die Geräusche und Bilder gerade eben in meinem Kopf passiert sind oder doch hinter mir, irgendwo im tiefen Wald. Im ersten Licht des Morgens muss ich mir eingestehen, dass mein Blut in den Insektenkörpern die einzige Verbindung mit der Natur ist, die ich am ersten Tag meiner Suche zustande gebracht habe.

Tag 2: Der Regen und die Flucht

Tau haftet auf meiner mumienhaften Sackgestalt, ich verharre in Embryostellung und fühle mich wie ein Wurm im Dreck. Mir fallen all die Musikfestivals wieder ein, die ich im Laufe meines Lebens besucht habe. Wenn morgens die Sonne das Zelt erhitzte und man sich mit Kater fühlte, als stecke man im Rachen eines fiebrigen Riesen. Wie gerne hätte ich jetzt ein paar Freunde hier, diese erste Verzagtheit des Morgens zu vertreiben. Mein Magen knurrt und ich lächle bei der Vorstellung, was die Schamanen wohl sagen würden, würde ich mir eine Pizza liefern lassen, da vorne, übers Maisfeld. So sieht also meine Einkehr aus. Ich sehne bereits nach 24 Stunden die Zivilisation herbei. Gleichzeitig beneide ich die Käfer und Ameisen, die sich unter meiner Isomatte durch die Erde wühlen. Wäre ich einer von ihnen, wäre ich jetzt zuhause. Das Fasten hat mich schlapp gemacht, ich habe keine Lust auf Spaziergänge. Es ist relativ kühl, dabei sollte der Tag laut Wetterbericht sonnig und klar werden. Noch während ich mich über mein blindes Vertrauen in die Vorhersage wundere, fängt es plötzlich an zu regnen. Tropfen fallen auf mein Plastikplanen-Dach, ihr Prasseln wird immer lauter. Dann reißt ein Windstoß plötzlich die Stöcke aus dem Boden und das Wasser, das sich in der Plane gesammelt hat, schwappt auf meine Füße, auf meinen Schlafsack und die Isomatte.

Planänderung

Regenwetter und die Vision, doch kein Naturbursche mehr zu sein

Als es kurz aufhört zu regnen, mache ich mich auf den Weg, um mit der Schamanin zu sprechen. Im nassen Schlafsack werde ich mich böse erkälten, erkläre ich, nicht mal einen Regenmantel hätte ich mit. Sie erlaubt mir, im eigens für Notfälle aufgestellten Zelt im Basislager zu übernachten. Und gibt mir auf den Weg, darüber nachzudenken, ob mein Lebensthema nicht sein könnte, dass es mir „nicht gelingt, irgendwo anzukommen“. Ich bin erleichtert, aber auch enttäuscht. Statt in mich zu gehen, habe ich mich nun anderthalb Tage mit den natürlichen Begebenheiten abgemüht. Ich stelle meine Sachen in das Zelt und beschließe, den Rest des Tages mit Spaziergängen zu verbringen. Mit der Sicherheit eines trockenen Schlafplatzes im Rücken gehe ich plötzlich mit offeneren Augen durch die Natur. Ein Marder hüpft vor mir in ein Gebüsch, zwei Rehe stehen in der Mitte eines Feldes und sehen zu mir herüber. „Wer länger in der Wildnis bleibt, träumt anders, denkt anders, nimmt anders und mit allen Sinnen wahr“, schreibt die Biologin Slyvia Koch-Weser in ihrem Buch über Visionssuchen. Es ist tatsächlich nicht schwer, überall in der Natur göttliche Botschaften zu finden, wenn man nur danach sucht. Die Schnecke, die nur langsam vorankommt. Der Mistkäfer, der andauernd auf seinen Rücken fällt, sich trotzdem immer wieder aufrappelt. Die Maus, die vor Schreck in einem Loch verschwindet. Sie alle könnten Metaphern für das eigene Leben sein.

Tag 3: Die Schwitzhütte und der Wahnsinn

Der Hunger hat mich ausgehöhlt, ich fühle mich leer und stumpf. Ich sehne mich nicht direkt nach Essen, habe keine Fantasien von rollenden Käserädern oder vorbeifliegenden Wildschweinkeulen. Ich habe nur das Gefühl, dass es mir besser gehen würde, wenn ich jetzt was im Magen hätte. Im Laufe des Tages wird es wieder etwas Leichtes zu essen geben. Wir sollen gestärkt in den dritten und letzten Teil der Visionssuche gehen: die reinigende Schwitzhütte. Gegen Mittag bringt uns die Schamanin Früchte und Suppe. Noch nie habe ich eine Banane so bewusst geschmeckt in all ihrer klebrigen Süße. Wundervoll auch die Ananas, deren Säure mir die Tränen in die Augen treibt. Am Nachmittag stoßen zwei weitere Teilnehmer dazu, die die Schwitzhütte ohne Visionssuche gebucht haben. Sie sitzen im Basislager und reden über Dinge, die ich nicht verstehe, zum Beispiel, wie Parfum die „Aura deckelt“ oder wie man „Bergkristalle programmieren“ kann. Bis jetzt habe ich nicht wirklich eine Ahnung, was in einer Schwitzhütte genau passiert. Die Schamanen sagen, das ließe sich schwer beschreiben, jede Schwitzhütte sei anders, je nachdem, „welche Lebensthemen dort bearbeitet“ würden. Ich habe vage Bilder von finnischen Naturburschen im Kopf, die in der Sauna Gott und die Welt diskutieren und sich danach mit Tannenwedeln im Schnee Hintern und Rücken versohlen. Nach dem ganzen Stress nun Wellness. Denke ich – und liege verdammt falsch.

Die Schwitzhütte

Ein reinigendes Ritual, das Gesichter verändern kann

Gegen 19 Uhr befinde ich mich in einem völlig abgedunkelten Holziglu. Um mich herum fünf nackte Erwachsene, die summen und singen und sich dabei auf den Bauch klatschen, dass der Schweiß nur so spritzt. In unbestimmten Abständen werden glühende Steine in eine Kuhle in der Mitte geschoben, der Schamane ist zum „Feuerwächter“ geworden und begießt sie mit Wasser und Kräuteressenzen. Der heiße Dampf bläht immer wieder mit Wucht den Innenraum, so dass ich Angst bekomme, plötzlich ohnmächtig zu werden. Die Erfahrung wird immer archaischer. Wir sollen schreien, fordert die Schamanin, alles rauslassen, rülpsen, den Schleim („das angestaute Gift“) hochziehen und in die Glut spucken. Uns ganz und gar reinigen. Schweiß perlt an mir herunter, wie Regen an einer Scheibe. Es ist eine extreme Anforderung an den Kreislauf - und auch an die Psyche. Der Feuerwächter bestimmt, wann die Tür wieder aufgemacht wird. Es gibt vier Runden, keiner weiß, wie lange sie dauern werden. Wenn die Luft zu heiß wird, sollen wir unsere Gesichter auf die Erde pressen.

Die Schamanen geben mit Rasseln und Trommeln den Takt vor, zu dem wir uns langsam in Hitze und Wahnsinn auflösen dürfen. Ich fühle mich hilflos und gleichzeitig befreit. Hier drin darf man Dinge sagen, die man draußen nicht sagen würde. Hier darf man sich daneben benehmen, alle Zurückhaltung hinter sich lassen. Irgendwann habe auch ich offenbar die Grenzen zur Zivilisation überschritten. Ich fange an zu lachen, lache meine Vorurteile hinaus, den Spott über Esoterik und Aberglauben. Erlaube mir schrittweise an der Erfahrung teilzunehmen, lauter zu werden, mitzugehen, zu japsen, zu greinen, zischend in die Glut zu rotzen. Wann habe ich das letzte Mal so geschrien? Ich kann mich nicht erinnern. Jedes Mal, wenn nach einer Runde kurz die Tür aufgeht, liegen die Anderen verrenkter da, einige wie gestrandete Wale, ausgeknockt und nass. Am Ende werden wir auf allen Vieren aus der Hütte herauskriechen. Ein Geburtsvorgang. Draußen steht bereits der gelbe Mond am Nachthimmel. Über vier Stunden waren wir drin, sagt jemand. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren.

Nach der Trance

Überraschende Grenzerfahrung in der Dunkelheit

In einem Abschlussgespräch am nächsten Morgen fragt die Schamanin, was wir von unserer Visionssuche mit nach Hause nehmen. Dies ist die Liste meiner Erkenntnisse:

- Wer weniger isst, hat weniger Plaque

- Wer wenig an hat, ist schneller trocken

- Mücken fliegen auf Autan

- Schnecken kann man Kauen hören

- Esoterik läuft nicht zwangsläufig auf Friede, Freude und Harmonie hinaus

- Wir sind alle Eingeborene dieses Planeten

- Schreien verbindet

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