Ein junger Mann will auf einem mehrwöchigen Trip durch Europa und bis in die USA herausfinden, was für ein Mensch sein Vater war, der an Krebs starb. Am Ende ist er seinem Vater nahe wie nie.

Fast ist Leonard angekommen. Die untergehende Abendsonne wird von einer grauen Wolkendecke verschluckt, aber am Horizont ist der Steinkreis von Stonehenge noch gut zu erkennen. Er weiß, er muss jetzt über den Drahtzaun steigen, der ihn von diesem jahrtausendealten Gebilde trennt. Dort hinten wird er seinen Vater endlich spüren. Das ahnt er.

Leonard Rottok möchte seinen Vater kennenlernen. Dirk Rottok ist seit 23 Jahren tot. Er starb an Krebs. Sein Sohn ist zu einem Trip durch Europa und bis in die USA aufgebrochen – um mit Menschen zu sprechen, die seinen Vater kannten. Der 26-Jährige ist die Route eines Lebens nachgefahren – auf der Suche nach einem Vaterbild, mit dem er leben kann.

Leonard Rottok

Er hat sich zu einem Trip aufgemacht – um mit Menschen zu sprechen, die seinen Vater kannten

Knapp vier Wochen war Leonard unterwegs. Mit vier Freunden, die er in seiner Studienstadt Hildesheim kennengelernt hatte, plante er die Tour. Seine Reise hielt er im Film fest, war Regisseur und Protagonist zugleich. Zwei Kameras, aber kein künstliches Licht, denn seine Reise sollte authentisch bleiben. Für die Technikleihe hat Leonard eine bescheidene Summe gesammelt, zum einen durch Crowdfunding, auch die Niedersächsische Krebsstiftung unterstützte ihn. Für die Fahrt machte er einen schwarz-weiß gestreiften alten Minibus startklar. Geschlafen wurde oft im Zelt.

Vorstellung von seinem Vater

Als Dirk Rottok an Krebs starb, war Leonard drei Jahre alt. Es gibt Bilder, auf denen er mit seinem Vater zu sehen ist, bevor die Krankheit kam. Vor dem Einschlafen schaute er sich diese Fotos an, hat sie sich eingeprägt. Mit seinem damals hellblonden Haar sitzt Leonard vor seinem Vater, hält sich mit ihm am Fahrradlenker fest. Auf einem Super-8-Video liegt er noch als Säugling in Dirks Armen, ein Foto zeigt ihn zwei Jahre später mit Teddy auf seinem Rücken.

Mit diesen starren Bildern sei er aufgewachsen, sagt Leonard. Aus ihnen konstruierte er sich eine Vorstellung von seinem Vater. Doch die Fotos rüttelten keine lebendigen Erinnerungen wach. "Sie berühren mich nicht so, wie ich mir das wünschen würde", sagt er. Vor einem Foto aber fürchtete er sich regelrecht: Es zeigt seinen Vater in einem Flugzeugsitz, das Gesicht von der Krankheit gezeichnet. Leonard sah darin kein Leben mehr, sondern den Tod – sollte er etwa dieses Gesicht im Gedächtnis behalten?

Seine Mutter Martina erinnert sich: "Leonard hat selten nach seinem Vater gefragt. Vielleicht bin ich deshalb eingesprungen und habe besonders viel erzählt. Ich wollte ihm zeigen: Auch wenn dein Papa nicht mehr lebt – du bist nicht vaterlos." Leonard hatte Dirk nie schimpfen gehört, kannte ihn nicht streitend, wusste von keiner Beziehungskrise. Es kam ihm vor, als wäre er mit einem Heiligenbild aufgewachsen. Sein Vater habe Autos restaurieren können, war ein Ästhet, versprühte Lebensfreude ...

Bild von einem Vater

Mit Fotos wie diesem sei er aufgewachsen, sagt Leonard

Im VW-Bus nach Stonehenge

"Das Bild war einfach zu positiv", sagt Leonard, "so positiv, wie kein Mensch sein kann." Seine Mutter hat ihm mit der Schreibmaschine sogar ein kleines Büchlein über seinen Vater getippt, das schenkte sie ihm zum 16. Geburtstag. Leonard fand auch da vieles zu einseitig, aber ein Kapitel, das er gerne las, war die Reise der Eltern im VW-Bus nach Stonehenge. Die Mutter hat oft davon erzählt. Und Leonard stellte sich seinen Vater als Abenteurer vor, wie er bei Mondschein den Zaun erklimmt und zwischen den Blausteinen meditiert. Unangepasst, unkonventionell, frech.

Mit 20 Jahren wuchs der Wunsch, die Leerstelle, die seinen Vater ausgemacht hat, zu füllen. Ihn wirklich kennenzulernen. Mit allen Schwächen. Aber Mutter Martina war skeptisch. Wird ihr Sohn nicht vielleicht enttäuscht? Leonard solle sich wappnen, es nicht zu sehr an sich heranlassen, falls er unangenehme Antworten bekomme.

Seine Mutter schrieb ihm die Namen aus ihrem früheren Leben auf. Einige konnte Leonard direkt anrufen: "Ich will jetzt meinen Vater kennenlernen!" Viele fand er in sozialen Netzwerken, manche konnten ihm weitere Adressen nennen; so schlossen sich die Lücken auf dem Weg nach Großbritannien. Zunächst ging es von Frankfurt ins Saarland zu einer Jugendfreundin, nach Köln und Bonn, ins Neandertal bei Düsseldorf. Nur die Ex-Verlobte seines Vaters wollte nicht gefilmt werden.

Eine rote Box voll alter Liebespost

Leonard begann jedes Gespräch mit einer Bitte: "Beschreib mir Dirk in möglichst vielen Facetten!" Manche überforderte die Frage. In die Vergangenheit hineinzufinden kostet Zeit; schließlich kam Leonard spät. Sein Vater habe im Urlaub Schnecken am Strand eingesammelt, erinnerte sich einer, er wollte daraus am nächsten Tag eine "Delikatesse" zubereiten. Selbst mit Knoblauchsoße schmeckten sie scheußlich. Vielleicht belanglos, aber genau diese Anekdoten wollte Leonard hören. Bettina, die Teenie-Liebe seines Vaters, gab Leonard eine rote Box voll alter Liebespost mit – inklusive eines Briefes, den sie sich nach der Trennung nie getraut habe wegzuschicken. Leonard las nach, wie sein Vater diese Frau verletzt haben musste. Aus dem Brief sprach ein gebrochenes Herz.

Ein Bauarbeiter erzählte ihm: "Der Typ konnte nicht auf die Kacke hauen." Ein anderer meinte, selbst kurz vor dem Tod habe sich sein Vater niemandem anvertrauen können. Über seine Angst, seine Gefühle, darüber habe er nicht gesprochen. Und Leonard lernte: So lebenslustig, wie die Mutter ihn beschrieb, war Dirk in seinen letzten Monaten nicht.

Der damals behandelnde Arzt erinnerte sich kaum noch an Dirk Rottok, beschrieb ihn nüchtern als Kollegen, dem er die Praxis abgekauft hatte. Und als Patienten. Leonard hatte nach dem Gespräch den Eindruck, dass der Arzt das Leiden seines Vaters verkürzt hatte. Sterbehilfe also? Leonard sind bei dieser Reise Fragen geblieben.

Leonard wollte sich aus jeder Erzählung Puzzlestücke zusammensuchen, die das Rätsel ergänzen, das sein Vater für ihn ist. Juán war der beste Freund von Dirk und lebt heute in der Nähe von Washington. Eines der letzten Versprechen, das er Leonards todkrankem Vater gegeben hatte, konnte er nicht halten. Er wollte als Patenonkel auf die Familie achtgeben, doch der Kontakt ist abgebrochen. Als Leonard am Bahnhof von Bethesda ankam und niemand auf ihn wartete, dachte er, Juán würde ihn sitzen lassen, der Flug in die USA sei umsonst gewesen. Doch 30 Minuten später war er da. Juán erzählte, mit Leonards Vater habe er in der Studentenzeit auch mal "sehr kavalierhaft" um eine Dame namens Gisela gekämpft. Erst sei Gisela mit Dirk zusammen gewesen, dann mit Juán.

Schon an der Silhouette habe er Leonard erkannt, so ähnlich sei er seinem Vater. Ohnehin haben in den vergangenen Wochen viele Leonards Vater in ihm wiedergefunden: Handbewegungen, die Dirk ähneln. Wie er die Gabel hält. Dinge, die er sich nicht habe abschauen können, seien unterbewusst in ihm verankert.

Zum Ende jedes Treffens setzte sich Leonard für einige Momente des stillen Blickkontakts vor seine Gesprächspartner – sein Gegenüber solle bitte an seinen Vater denken. So verharrten sie ohne Worte. Saßen sich schweigend gegenüber, schauten sich nur noch einen Moment in die Augen. Einem alten Mann kamen die Tränen. Eine Frau konnte den Blick nicht halten. Einige lachten. Dieses Ritual war Leonard wichtig: Eine nonverbale Vereinbarung, so beschreibt er das, als Abschied.

Als Leonard über den Zaun bei Stonehenge klettert, lässt er sich filmen. Die ersten Meter danach rennt er, wird jedoch langsamer. Angekommen, sind die Steine plötzlich viel größer als er. Er dreht sich im inneren Zirkel, sucht die Ruhe dieses Ortes, während es dunkler und kälter wird. Er will überprüfen, wie sich das anfühlt – er will spüren, was sein Vater gespürt haben muss. Hier im Steinkreis versteht er ihn, sieht die Parallelen ganz klar. Leonard begreift, wie sehr dieser Trip ihn verändert hat. "Erst jetzt habe ich gelernt, dass ich ihn eigentlich doch kannte, ich habe meinen Vater also wiedergefunden."

Zurück in Deutschland wird Leonard die Stunden an Filmmaterial sichten, er will seine Doku "Mein Vater" nennen. Die Gespräche wird er dabei noch so manches Mal anhören. Das gehöre zu seinem Prozess des Kennenlernens, der vielleicht auch zum Abnabelungsprozess wird. Aber: "Ich bin meinem Vater nahe wie nie."

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